2009 19 Dez
Fliegende Kats und löchrige Finnen: Der dritte Wharram Wanderbrief der neuen Saison.
Von: Michael Lynn um 4:41 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Vor einem Jahr hab ich einen Blog über Rodney Bay geschrieben und war dabei ein bisserl unnett, weil mich der viele Beton gestört hat, den man hier übers karibische Flair gegossen hatte.
Darf ich ziemlich viel vom Gesagten zurücknehmen? Weil… – ich hab das Paradies des arbeitenden Seglers gefunden: Mother Ocean schwebte am überbreiten Torkran aus dem Wasser, steht jetzt gut durch den Passatwind durchlüftet direkt unter einem Flutlichtmast im Boatyard aufgepallt, mit ansprechendem Panoramablick auf die Rodney Bay Marina, über der ein veritabler Wald von Salingflaggen flattert, weil die ARC-Flotte hier ihre Atlantiküberquerung feiert. Und rund um mich wuselt bienengleich eine Marinero-Truppe, die um jedes kroatische, türkische oder italienische Marina-Team Kreise laufen würde, weswegen auch jeder Krantermermin hält, ist ja Ehrensache. Draußen vorm Zaun geht’s schräg über die Hauptstraße in einen passabel bestückten Baumarkt, 500 Meter Dinghyritt bringen mich zu einem engagierten Schiffsausrüster und den Schiffsbauholztandler der Insel hab ich auch schon gefunden. Und die beste Nachricht von allen: Verrechnet wird analog zum US-Dollarkurs. Wie rief der zahnlose Muskrat damals in Woodstock ins Mikro? „There´s always a little bit of heaven in a desaster area, man!“
Kontakt hatten wir auch schon, aber so was von. Zuerst trafen wir die gelöcherten Finnen. Sie humpelten direkt nach uns ins Kranbecken des Rodney Bay Boatyard und ließen ihre schmucke blaue Yacht an Land heben, weil nämlich unterwegs auf dem Atlantik ein Seeventil versucht hat, das Boot während der Fahrt zu verlassen. Dann standen die vier finnischen Kids ein paar Stunden lang verloren um ihre aufgepallte Yacht, während die Reparaturtruppe im Akkordtempo das Problem behob. Die löchrigen Finnen waren dann auch tatsächlich wieder dicht und zurück im Wasser, bevor das Wochenende ausbrach. Wenig später brachen sie auf nach Süden, den Tobago Keys und Grenada entgegen. Fair winds, folks!
Und dann war da der Michael. Der Michael ist aus Wien und kam per Kojencharter mit dem ARC hierher. Auf einem deutschen Schiff. Dass er den Bröthi und mich im Bread Basket traf, war für ihn wie heimkommen. Der Meinungsaustausch verlief entsprechend angeregt, begann gegen Mittag und endete gegen Mitternacht auf der Mother Ocean, weil nämlich der Kühschrank leer gesoffen war. Der Bröthi hat dann ein bisserl Probleme gehabt, den Michael per Dinghy auf seine Yacht zu fahren, weil der Michael nämlich ein bisserl Probleme hatte, seine heimatliche Yacht zu identifizieren. Macht nix, weil ich hatte derweil ein bisserl Probleme, mein Bett zu finden, aber irgendwie klappte es dann doch.
Ein milder Passat weht durch meine Koje. Aus der Marina klingt der Sound der umpfundzwanzigsten ARC-Party herüber. Und während ich im Geiste Werkzeug- und Materiallisten durchgehe, dämmere ich langsam in den Schlaf hinüber. Doch in Ordnung, die neue Rodney Bay. Besonders, wenn man einen Wharram zu reparieren hat. Und wie das geht, darüber schreib ich mehr im nächsten Blog.
2009 14 Dez
Gescheckter Seebär in der Salzlake:Der 2. Wharram Wanderbrief 09/10
Von: Michael Lynn um 15:13 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Ich liebe die Sonne. Die Sonne ist meine beste Freundin. Die Sonne hat mich gern und ich sie. Und überhaupt – Sonnenbrand, was ist das? Dachte ich.
Und deshalb hab ich dem Bröthaler Raini gesagt, dass er sich schleichen soll. Nein, nicht vom fahrenden Boot. Einfach nur in den Schatten. Weil diese Sonne verträgt halt net jeder, aber ich? Ich pack das schon, am Steuer sitzen, hier in der Sonne. Überhaupt kein… äh… kein… Dings…äh… – aber wart amal, ich bind mir noch rasch ein T-Shirt als Turban um, ja?
Es war dann unvorstellbar brutal. Am Samstagnachmittag waren wir in Guadeloupe angekommen und hatten dann den Sonntag und den besseren Teil des Montags damit verbracht, die Mother Ocean seeklar zu machen.
Am Dienstag beim ersten Büchsenlicht liefen wir dann aus. Ich hab übrigens hoch und heilig versprochen, dass ich nicht erzähle, wie wir die erste Untiefentonne an der Ausfahrt beinah verkehrt herum genommen hätten, und deshalb tue ich es auch nicht. Ein Mann, ein Wort.
Jedenfalls: Eine Stunde lief der Aussenborder, dann zogen wir die weiße Wäsche auf und stellten ihn ab. Für den Rest der Reise. Bis zur Einfahrt von Rodney Bay. Weil der Wind, Leute, der war ein Traum: Stetige vier Beaufort aus Ost, kuschelige eineinhalb Meter Welle in den Pässen, und die Windlöcher hinter den Inseln haben wir auch mit Anstand durchsegelt.
Nur die Sonne… also die Sonne… – am ersten Tag lösten wir einander so alle vier Stunden ab. Die Nacht war auch kein Problem. Aber am zweiten Morgen, so gegen zehne, da hätte der Raini nur mehr an Backbord sitzen dürfen, so rot hat er geleuchtet, und bei mir hat die Haut auch ein Wengerl gespannt, aber kein Problem, ich fahr das. Ich hatte nur ein wenig Schwierigkeiten, was zu sehen, weil die Reflexe auf den Wellen geblendet haben wie die Suchscheinwerfer, und wenn man einen Köperteil zu lange unbewegt gehalten hat, hat es scheußlich wehzutun angefangen. Aber kein Problem.
Nach Sonnenuntergang war dann irgendwo bei Castries Landfall in St.Lucia, dann liefen wir nach einer genialen Wende bis vor die Haustür in Rodney Bay, vermieden es grad knapp, uns von einer Segelyacht zusammenfahren zu lassen, die ohne einen einzigen Mann an Deck mit Steuerbordschoten aus der Dunkelheit vor unseren Bug lief – und dann waren wir glücklich in Rodney vor Anker. Und alles war in Ordnung. Dachte ich. Bei den drei standesgemäßen Einlaufbieren dachte ich es. Am nächsten Morgen dachte ich es immer noch, als wir mit den Schiffspapieren untern Arm ins Schlauchboot stiegen und zum Einklarieren in die Marina rollten. Aber als ich dann – pardon! – aufs Häusel ging, dachte ich es nimmer, denn was mir aus dem Spiegel entgegenstarrte, war…naja… Lepra? Oder sowas? Oder noch was Schlimmeres? Und: Isses ansteckend??? Jedenfalls: Unter einer tief gebräunten Haut, die sich gerade in Fetzen vom Gesicht löste, blitzte frisches, aber auch net grad gesund aussehendes Rosa auf.
Offenbar war mein Gesicht während der 36 Stunden auf See unter Sonneneinwirkung gestorben und jetzt wuchs mir ein Neues nach. Was es wohl werden würde? Bitte um Gottes Willen nicht Tom Cruise, lieber wär ich tot. Ich meine, mit Sean Connery oder George Clooney könnt ich leben, aber… – naja.
Ich ersuche die geneigten LeserInnen, in dieser Hinsicht ganz fest Daumen zu halten, bis ich mich wieder melde – dann mit einem Bericht von einem schwebenden Wahrram, vier gelöcherten Finnen und einem Kanonenrausch unter Landsleuten. See you, mon, Jah Rastafari willing – and I shall hope he is willing!
2009 1 Dez
Es leben die Guten! – der 1. Wanderbrief des neuen Winters
Von: Michael Lynn um 13:15 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Tags: Aussenborder, Bedek, Karibik, Lynn, Wharram | Keine Kommentare
Es sollte ein kurzer Abschied werden – und es wurde ein halbes Jahr daraus: Mother Ocean parkte in in der Bas-du-Fort Marina in Guadeloupe. Ihr Skipper kittete derweil in Wien die Scherben seines Brotberufs. Und wären da nicht ein paar Gute – er sitzert im Dezember auch noch da….
Mein Laptop hat ein bissl Reisefieber. Irgendwo auf seiner Festplatte rotiert die Buchungsbestätigung für einen Air France-Flug nach Guadeloupe. Seine Speicher füllen sich mit Projekten, Adressen und Notizen, denn ich sperre meine Textproduktion nicht zu. Ich arbeite nur für die nächsten Wochen unter Palmen.
Bitte, falls wer denkt, das tät er oder sie auch gern: Leute, das wird kein Urlaub. Und das sag nicht ich. Das sagt Chris Kessell. Kennt hier keiner? Gut: Chris schaut aus wie ein Bankkassier, arbeitet wie eine Maschine und sieht wie ein Röntgenapparat. Gut so, denn er ist Surveyor, also Bootssachverständiger.
Ich hab ihn letzten Winter in St. Lucia engagiert, um die Reparaturarbeiten von Island Dreams zu beurteilen. Beim zwölften „Oh, shit!“ hörte ich auf zu zählen. Jedenfalls: In der Karibik kann ich, so wie Mother Ocean beinander ist, gern herumsegeln, sagte Chris. Aber über den Atlantik? „If a storm wave hits, you might lose the stern of the port hull“, sagte er. Bitte, er sagte „lose“! Mag wer dabei sein, wenn ein Wharram das Heck vom Backbordrumpf abwirft? Mitten auf dem Ozean? Ich eigentlich nicht.
Also packe ich jetzt 20 Kilo Werkzeug ein, fliege nach Guadeloupe, segle auf Filzpatschen nach St. Lucia, hebe die Mother in der Rodney Bay raus und tausche im Backbordheck zwei Schotten, eine Längswand und das Deck aus. Falls sich das jemand bildlich vorstellen möchte: Zwangsarbeit in einer chinesischen Kohlenmine ist eine passable Annäherung. Du kriechst bei 40 Grad und mehr durch einen engen Schlauch und raufst mit dem Material. Nur dass der Staub nicht Kohle ist, sondern Holz, Epoxi und Glas. Reimt sich auf Spaß? Reiner Zufall, keine Absicht. Zur Erholung mache ich dann am Abend meinen angestammten Job.
Dass ich nicht reparieren lasse, sondern selber repariere, hat erstens mit meiner erworbenen Phobie vor allen Arten von karibischen Dienstleistungen zu tun. Und zweitens mit dem Loch auf meinem Konto: Als ich im März aus der Karibik heimkam, war mein langjähriger größter Kunde nicht mehr da. Zugesperrt. Aus, Maus. Umsatzprognose mit einem Schlag halbiert. Den Rest vom Jahr verbrachte ich damit, in einer Szene, in der die Irren die Anstalt übernommen hatten, mein Geschäft wieder aufzubauen. Vor 15 Monaten lebten wir alle vom Kapitalismus. Jetzt heißt er Kaputtalismus und von dem zu leben ist ein hartes Brot. Aber echt.
Naja. Ich hab auch das überstanden. Und wenn ich in drei Monaten hier im Blog vermelden kann, dass die Mother wieder ein wirklich ozeantüchtiges Boot ist, verdanke ich es ein paar Guten, denen ich diese Zeilen ganz persönlich widmen möchte.
Da ist einmal die Elisabeth Koschier, die seit zehn Jahren mein Leben teilt und prinzipiell keine Bäume aufstellt, außer um mit ihnen mein Rückgrat zu stärken. Aufgeben tut sie allenfalls Briefe. Von mir erwartet sie das Selbe. Und das ist eine gute Motivation. Danke, Liebste. Dass Du mir jede Reise leicht machst, macht jeden Abschied um so schwerer.
Dann wär da der Bröthaler Raimund. Ich lernte ihn diesen Sommer bei TurnOn kennen, als er gerade das 12. Ankermanöver des Tages dirigierte. Nicht auf seinem eigenen Schiff, sondern auf einem von jenen, deren Skipper kein Händchen für das Ankern in durchwühltem Schlammgrund hatte. Mitten im Manöver teilte man ihm per Funk mit, dass auf seiner Yacht das Bordklo streikt.
„Kennst Du Dich mit Häusln aus?“ fragte er mich. „Jabsco?“ – „Jabsco!“ – „Schwarzer Griff oder grauer Griff?“ – „Grau.“ – „Fünf Minuten.“
Ich brauchte dann doch zehn Minuten, weil die Dichtung eigentlich reif für den Vorruhestand war. Aber als der Bröthaler an Bord kam, war das Klo wieder nominal. Und ich hatte nicht nur das Match mit dem Material gewonnen, sondern auch einen Freund. Ich erzählte ihm überm zweiten Bier von der Mother, Ihrem Heck und meinem kommenden karibischen Abenteuer. „Wennst wen brauchst, der mithilft – im Winter hab ich Zeit“, sagte er. Und falls wer denkt, eine solche Ansage hält… – hat er Recht. Der Bröthi fliegt mit und teilt im Dezember und Jänner meinen privaten Gulag. Danke, Mann.
Und obwohl ich jetzt eigentlich zum Schlusse eilen möchte, weil ich noch irrsinnig viel um die Ohren hab, bevor der Flieger geht: Den Zdenko Bedek darf ich also wirklich nicht auslassen, denn der ist für alle künftigen Zeiten mein liebster Herzchirurg.
Nein, Kasperl hatte ich noch keinen, nicht erschrecken bitte. Aber ich hab im Zuge der Arbeiten eine motorische Herztransplantation an meinem Boot vor. Es ist nämlich so, dass ich kein mutiger Kapitän bin, sondern ein alter Kapitän werden will. Das Eine schließt das Andere bekanntlich aus. Und mir fehlt einfach der nötige Mut, um auf dem geplanten Transat im Mai ein paar hundert Liter Benzin für meine Außenborder mitzuführen.
Ich hab mir also einen Diesel-Außenborder gefunden. 80 Kilo Lebendgewicht, Alter unbekannt, Mutter bei der Geburt verstorben, Vater wahrscheinlich in Surabaya verschollen. Oder so. War in Deutschland inseriert, das Ding. Ich bin hingefahren – und war auf den ersten Blick verliebt: Keine Elektronik. Keine Chips. Keine Schaltkreise. Ein Aggregat von der berückenden Einfachheit eines Ölofens. Und um Peanuts wohlfeil.
Ich hab ihn eingepackt, bin heim gefahren und hab jemanden gesucht, der das Ding einmal zerlegt und so wieder zusammenbaut, dass es nochmal für ein paar tausend Meilen gut ist. Bedek Boote hat das Projekt geschultert. Kennt man als Segler eigentlich nicht, die Firma, weil sie hauptsächlich die Motorboote der Donaufans catert. Aber das Kennenlernen lohnt sich, denn der Herr Bedek ist ein Bedächtiger, ein Gescheiter – und ein exzellenter Handwerker. Wo Kollegen wegen akutem Ersatzteilmangel das Hangerl geworfen hätten, hat er sich reingekniet und notfalls Teile nachproduziert. Jetzt rennt der Diesel wie ein Glöckerl – und wenn der Punkt erreicht sein wird, an dem ein Ende der Reparatur absehbar ist, speditier ich ihn nach Martinique und installiere ihn.
Aber das ist noch ein paar anstrengende Monate weit weg. Ich wollt nur auch dem Zdenko Bedek danke sagen, bevor ich für heute zudreh. Der nächste Blog kommt schon aus Guadeloupe. Und der übernächste hoffentlich aus St. Lucia.
See you, Folks – und wenn Ihr Daumen frei habts, haltet sie bitte!
2009 2 Mrz
Air Suzette
Von: Michael Lynn um 16:09 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Ein Kommentar
Und das verdanken wir Madame Suzette …
Der Hemingway Ernest hat uns bleibend Wertvolles hinterlassen: Hoch wirksame Getränkerezepte, jahrzehntelang haltbare Lokaltipps – und die endgültige Benimmregel für Aktivurlaube bei spanischen Guerillakämpfern: “Give the men tobacco and leave the women alone.”
Lang her, irgendwie: Heutzutage verordnet der Gesundheitsminister selbst in verschwiegenen Bar-Hinterzimmern strengstes Rauchverbot. Und sobald der/die ambitionierte AnarchistIn SätzInnen wie den/die obige/n korrekt gender-mainstreamt, wird sein/Ihr LebIn sowieso sinnlos. Wohl auch deshalb haben Anarching und Untergrundkämpfing EU-weit ihre Bedeutung als Trendsportarten eingebüßt.
2009 19 Feb
Fluch der Karibik, Part II
Von: Michael Lynn um 6:00 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Der Mihl (Anmerkung für Nichtkärntner: Als „Mi-Hl“ auszusprechen!) kam längsseits, kaum dass unser Eisen vor Bourg de Saintes gefallen war: Er ist Kärntner, Kateigner, seit zwei Jahren in der Karibik unterwegs und ankert seit zwei Wochen hier in den Saintes.
Er macht sein Dinghy an der Klampe der Mother Ocean fest, sagt gerne ja zu einem eiskalten Bier, auch wenns kein Schleppe ist, und gibt uns einen kenntnisreichen Situationsüberblick.
2009 18 Feb
Stairway to Hell
Von: Michael Lynn um 9:53 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
So lässt sichs leben!
Alsdern – Dominica… – strahlend weiße Sandstrände? So gut wie keine. Türkisgrünes Wasser hinter freundlichen Korallenriffs? So gut wie keines. Gründe, trotzdem wieder herzusegeln? Ein paar Dutzend, und jeder einzelne ist überzeugend.
Fangen wir beim Zoll an: Einklariert wird durch das Ausfüllen zweier Formulare vor einer Amtstür, hinter der schallendes Gelächter hervordringt. Drinnen sitzen vier Uniformierte, tippeln Karten und wärmen sich mit passenden Getränken für den beginnenden Karneval auf, wie mir der Amtsleiter verrät. Und während er meine Papiere abstempelt, verrät er mir, dass ich gleich auch ausklariert bin – gern geschehen und noch einen schönen Aufenthalt!
Das ist die erste Begegnung mit der hier herrschenden, für karibische Verhältnisse wirklich außergewöhnlich zuvorkommenden Höflichkeit, mit der wir Weißbrote behandelt werden – und zwar von der Supermarktkasse bis zur Wasserpier und von der Polizistin bis zum Boatboy.
Ah ja – Boatboy! Meet Harrison: Er kommt lächelnd längsseits, stellt sich höflich vor, nimmt freundlich zu Kenntnis, dass wir keine Muringboje benötigen – und verrät uns gratis einen guten Ankerplatz. Und dann schlägt er uns für den nächsten Tag ein paar mögliche Touren vor. Victoria Falls zum Beispiel. Oder den Hatscher zum Boiling Lake.
Es ist nämlich so, dass auf Dominica die echten Sehenswürdigkeit im Hinterland warten. Und zu den spektakulärsten führt bestenfalls ein Fußpfad. Sicher keine Autostrasse.
Karin, Franz und ich investieren je 50 US-Dollar in den geführten Trip zum Boiling Lake – und es ist jeden Cent wert gewesen: Am Ende eines dreistündigen Aufstieges von alpinem Format warten die schwefel- und heißwasserspeienden Fumarolen des Valley of Desolation – und dahinter ein 67 Meter tiefer See, der von vulkanischer Aktivität auf seinem Grund permanent auf Kochtemperatur gehalten wird.
Harrison bringt uns rauf. Und danach zu einem badwannenwarmen, leicht schwefelig riechenden Bach, in dem wir unsere müden Füße baden. Und dann die ganzen Höhenmeter wieder runter. Der komplette Trampelpfad ist mit handgeschnitzten Holzschwellen im Eisenbahnschienenformat belegt und bildet eine Treppe, die gemütlich wäre, würde sie nicht passagenweise die Steilheit einer Haushaltsleiter und regenbedingt die Glätte einer Eislaufbahn annehmen.
Ich taufe sie „Stairway to Hell“ und keuche hinter Harrison her, der leichtfüßig von Holz zu Holz tänzelt und dabei in seiner Hosentasche serienweise Joints aus Naturtabak und einheimischen Kräutern wuzelt. Beim fünften Gerät höre ich zu zählen auf und als wir wieder ins Auto steigen, überrascht mich, dass unser Guide das Lenkrad und den Zündschlüssel findet.
Der Rest der Crew war derweil bei den Victoria Falls. Unter anderem. Geführt von Michel, dem Bildhauer, der irgendwann Herzprobleme bekam, Frankreich den Rücken kehrte und jetzt ein kleines Tourismusunternehmen auf Dominica betreibt.
Man wanderte nur zwei Stunden, fuhr ansonsten viel über gewundene Straßen und kehrte dann schließlich bei Moses James, der Rasta Legende, ein: Moses war einst Kämpfer für die Unabhängigkeit der Insel. Jetzt baut er auf seiner Farm Heilkräuter an, destilliert daraus Öle, und serviert gelegentlichen Gästen kreolische Vegi-Küche.
Und während man herzhaft zulangt, begegnet man wieder dieser fast unheimlichen Höflichkeit und Rücksichtnahme, die auf Dominica endemisch zu sein scheint:
Neben Karin sitzt ein Rasta wie aus dem Bilderbuch. Er zieht einen fetten Joint aus der Hosentasche. Und bevor er ihn anzündet, fragt er total höflich, ob es den Umsitzenden was ausmacht, wenn er…: „Do you mind if I light up my weed, madam?“
Also kurz gesagt: Bald wüssen wir weiter nach Guadeloupe, und da wartet der weiße Sand unter den rauschenden Palmen, aber Dominica…, also Dominica, da komme ich sicher wieder her. Aus wirklich guten Gründen. See you, people!
2009 12 Feb
“Pässe, bitte!”
Von: Michael Lynn um 12:46 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Der Friess Andi hat seine Chance: Zirka 15 Sekunden lang reißt der Wolkenschleier um den Mont Pelee auf und endlich erblicken wir die Bergspitze.
Zwei Tage lang haben wir von unserem Ankerplatz vor St. Pierre, Martinique, auf die kompakte Wolke um den Gipfel geschaut und uns gefühlt wie die Universum-Kameraleute, die monatelang als Bambusgestrüpp getarnt in einem Ameisenhügel liegen und warten, bis die Pandabären endlich schnackseln: “ Gleich… nein, doch nicht… – aber jetzt reißt die Wolke auf… nein, wieder net… – aber morgen sicher!“
Jetzt macht der Friess Andi KlickKlickKlick und dann rate ich im, seine Kamera wegzupacken, weil demnächst sind wir im Pass.
Aber bevor wir zu den karibischen Inselpässen kommen, lasst uns über den Pelee reden. Er, der vermutlich bestaussehende Killer französischer Nationalität seit Alain Delon.
Von Beruf ist der Pelee Berg, von Berufung ist er Vulkan, und St. Pierre, das an der Ostküste von Martinique zu seinen Füßen liegt, nannte man einst das Paris der Karibik. Bis eines schönen Tages, 1906 war es, der Pelee sich hörbar räusperte, die Behörden aus Sorge um die Wahlbeteiligung bei den bevorstehenden Kommunalwahlen den besorgten Bürgern versicherten, dass alles in bester Ordnung sei, und drei Tage später, gegen acht Uhr Früh, eine so genannte pyroklastische Eruption das Wahlvolk in Sekundenschnelle von über 20.000 BürgerInnen auf gezählte zwei Überlebende reduzierte – und davon war einer ein Häfenbruder.
Was vom alten St. Pierre übrigblieb, kann man jetzt in einer einstündigen Rundfahrt abhaken, und das neue St. Pierre ist ein verschlafenes 4000 Seelen-Dorf in einer windstillen Bucht. Wir haben dort ein bisserl abgehangen. Und dann war es Zeit für den Pass.
Und damit sind wir bei den nautischen Sehenswürdigkeiten, die euer Reiseführer wahrscheinlich zu erwähnen vergessen hat: Den karibischen Inselpässen. Das sind 20 bis 30 Meilen breite Lücken zwischen den einzelnen Karibikinseln. Wer zur nächsten Insel will, muss wohl oder übel drüber und wer zur Seekrankheit neigt, wird dabei jedenfalls übel drauf sein.
Es ist nämlich so, dass in diese Pässe die Atlantikwelle ungebremst hineinrauscht. Der Passatwind auch. Beide pflegen sich in eleganten Kurven um die Inselspitzen herumzudrehen. Was zur Folge hat, dass jede, wirklich jede Überfahrt mit 4 bis 7 Windstärken samt entsprechender Welle direkt auf die Schnauze beginnt. Bis man in der normalen Welle und den normalen Winden angekommen ist, hat es einem die Füllungen aus den Zähnen geklopft und das Hirn weichgehämmert, während einen das überkommende Wasser eingesalzen hat wie einen Hering.
Zum Drüberstreuen werden dann an guten Tagen auch noch Black Squalls geboten. Das sind Passatwolken mit schmutziggrauer Unterseite, aus denen nicht selten ein Regenschleier hängt. Black Squalls addieren für fünf bis 10 Minuten runde zwei Windstärken zum vorhandenen Grundwind: Was vorher vier war, ist plötzlich sechs, was vorher sechs war, ist plötzlich acht, und deshalb finden sich in den Boatyards prominenter Karibikhäfen auch so erstaunlich viele halbierte und gedrittelte Yachtmasten.
Wir haben uns einen guten Tag für den Sprung nach Dominica ausgesucht: Vier bis fünf Beaufort Grundwind aus Ost, Welle zweieinhalb Meter, Wellenintervall 10 Sekunden. Reine Seide im hellen Sonnenschein, aber eine teure Kamera sollte man trotzdem nicht an Deck herumliegen lassen.
Sechs Stunden nach dem Ankerauf in St. Pierre fällt das Eisen in die Bucht von Roseau, der Hauptstadt von Dominica. Und wie es uns dort ergangen ist – das steht im nächsten Blog.
2009 31 Jan
Das echte St. Lucia
Von: Michael Lynn um 11:04 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Lang ists her, dass ich geschrieben hab, aber irgendwie… – naja. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja – Margarita kam, wir hatten grad noch rechtzeitig zusammengeräumt, und dann sind wir runter nach Süden gesegelt. Haben hinterm Riff vor Anse la Raye geankert, einem kleinen Fischerdorf, das noch so aussieht, wie die ganze Karibik früher aussah: Windschiefe Bretterbuden, aus denen rund um die Uhr Musik klingt. Menschen ohne Geld, die trotzdem fröhlich sind. Frischer Fisch, der kein Geld kostet. Schön wars.
Dann sind wir weitergesegelt zu den Pitons, den Zuckerhut-Bergen, die auf keiner St.Lucia-Ansichtskarte fehlen dürfen. Ankern darf man dort nicht mehr, weil Naturschutzgebiet. Aber wir fanden eine Muringboje nahe beim schönsten Resort in der Anse des Pitons und sind unvorstellbar abgehangen.
Und irgendwann gings dann wieder rauf nach Rodney, und da sind wir jetzt und sind sehr nachdenklich.
Es ist der Abschiedsabend von Fabio, Martin und Margarita. Wir verbringen ihn nicht in den üblichen Yachtie-Hangouts, sondern unter Rastas. Gros Islet ist ein sehr naturbelassenes Dorf hundert Schritte vom rund um die Uhr bewachten Zaun der Rodney Bay Marina.
Du triffst dort alle Leute, vor denen Dich Dein Reiseführer immer gewarnt hat, und weißt was? Sie sind entspannt, freundlich und völlig unaggressiv.
Wir landen in Charles’ Restaurant and Bar, einem Hangout, das ein bisserl frischer lackiert und ein bisserl weniger windschief zusammengebrettert ist als der Durchschnitt von Gros Islet, und werden verwöhnt bis zum Abwinken. Und irgendwann steht dann der Wire Man an unserem Tisch. Er ist höflich, unaufdinglich und angenehm. Er stellt ein selbstgestricktes Drahtgebilde auf den Tisch: Ein Boot unter vollen Segeln. Zu haben für 20 EC. Fabio schlägt zu und Martin fragt, ob es auch einen Kung Fu-Kämpfer aus Draht gibt. Der Wire Man verschwindet für 20 Minuten und kommt mit einem kleinen Kunstwerk zurück. Auch nur 20 EC.
Und als uns der Wire Man zum Abschied die Hand gibt, merke ich dass sie eiskalt ist und etwas zittert. Die anderen merkens auch und wir sind nachdenklich. Irgendwas ist faul hier im Paradies. „Is he on drugs?“, fragt Fabio die Hausherrin. „Oh, yes. But he is nice and decent, not like some others.“
Ein Puzzlestein mehr in der hässlichen Rückseite der wunderschönen Ansichtskartenfotos: Crack ist auf den Inseln angekommen, und wo ich früher stets nur in die Schwerelosigkeit weggerauchten Rastamen begegnet bin, begegne ich jetzt zu oft zerlumpten, zitternden, schwitzenden Gestalten, die mich Brother nennen und um Geld für Brot anbetteln – und warum fällt mir dabei der Wiener Karlsplatz ein?
Ist kein Zufall, leider. Wir hören es im Schatten des Gros Piton an einem kleinen Feuer unter den Sternen. Auf dem Feuer brät ein Bluefin, den wir am Morgen in Anse La Raye um einen Witzbetrag von Fischern gekauft haben.
Patrick, der Boatboy, sitzt bei uns und erzählt sein Leben. Er arbeitet hart, geht jeden Tag fischen und gabelt danach Kunden für Dienstleistungen aller Art von den ankommenden Yachten auf: Eine Kletterpartie auf den Piton? Sicher. Tauchen gehen? Kein Problem.
Sein Boot ist seine Existenz. Bekommen hat er es von seiner Mutter , sagt er. Ja, wirklich? „Yo, man. Was da only way she thoght would make-a me stop dealing crack an runnin round wid dem boyz. She was so scared for me, mon.“
Wir starren schweigend ins Feuer.
Irgendwo draussen in de Nacht, zehn oder zwanzig Meilen westlich, ziehen die schwarzen Speedboote und die Kleinflugzeuge der Drogenmafia Richtung Florida. Wär schön gewesen, wenn sie um die Inseln einen Bogen gemacht hätten.
So vieles wäre so schön gewesen. Aber gekommen ist es anders. Naja. Aber der Bluefin – der hat sensationell geschmeckt. Und Martin nimmt einen Draht-Kickboxer mit heim. Und ich gehe nachdenklich nach Haus aufs Boot. Bis bald. Hoffentlich mit einer schöneren Geschichte.
2009 19 Jan
Wenn Margarita kommt
Von: Michael Lynn um 14:05 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Der neunte Wharram-Wanderbrief, schon wieder verfasst in Rodney Bay: Irgendwie kriegen wir hier den Anker net hoch …
Apropos Anker: Ich sollt mal die Taucherbrille aufsetzen und nach dem Anker sehen. Schön langsam setzt er Korallen an, denke ich. Aber… – not today.
Die Kutterstag gehört auch dringend nachgetrimmt, aber … not today.
Und eigentlich schaut das Boot aus wie bei Müllers unterm Sofa und ich sollt mit einem so irgendwie eisernen Dings … Besen … durch … äh, … fahren, aber …
Fabio, der Muranoglas verkaufende Motorbootcaptain vom Gardasee, ist vorgestern angekommen. Martin, der Kung Fu-kämpfende Aquarellmaler, hätte gemeinsam mit ihm ankommen sollen, aber … – “Not today!”: Erst blieb er in Chicago hängen und dann in Miami. Wir haben ihn dann am nächsten Tag eingesammelt. Mit Vergnügen sogar: Ist immer ein billiger und hoch befriedigender Ausflug, der Trip zum Viege Airport in Castries.
Weil Bars oder sowas suchst Du zwar im Airport-Gebäude vergebens, das ist von Größe und Ausstattung her eine bessere Regionalzug-Haltestelle. Aber vor dem Airport-Zaun donnert eine sensationelle Brandung einen blitzsauberen, kilometerlangen Sandstrand hinauf und unter den dazugehörigen Palmen stehen Rum-Shacks, in denen man für Witzbeträge eiskaltes Bier bekommt, den Einheimischen beim Zocken zusieht und dabei lernt, dass auch Domino eine Kontaktsportart sein kann.
Den Schwechater Airport ähnlich einzurichten würde zwar voraussetzen, dass man die ungarische Tiefebene durch einen Stichkanal zur Nordsee flutet, aber das tät sich irgendwie schon auszahlen, denke ich: Noch nie hab ich so entspannt und kostenneutral auf einen Flieger gewartet.
Fabio und Martin sind die besten Freunde vom Multiplen Markus, aber treffen werden sie ihn hier leider nicht mehr: Während sie sich nach St. Lucia gekämpft haben, wurde in Fort de France nierensteinmässig nix besser, im Gegenteil, und morgen Abend reist der Multiple Markus in ärztlicher Begleitung von Martinique über Paris nach München und dann im Krankenwagen ins Salzburger LKH. Margarita darf net mitfliegen und kommt deshalb mit der Fähre von Martinique rüber, um den Rest vom Urlaub auf der Mother Ocean zu verbringen.
Ja… äh… Margarita kommt… – Wir knotzen mit Blick auf den schönsten Badestrand von Rodney unterm Sonnenzelt der Mother Ocean.
Margarita kommt… morgen… – Martin fitzelt mit einem Opinel-Feitel einen unvorstellbar scharfen Mini-Pepper und eine halbe Wurzn Ingwer vom lokalen Markt in kleinteiligen Brei und lässt dann eiskalten finnischen Edelvodka darüber rinnen.
Margarita kommt… und irgendwie sollten wir… – Ich koste vom Resultat und verliere vorübergehend meine Muttersprache.
Margarita kommt, und als ich wieder klar und tränenfrei sehe, schweift mein Blick übers Deck und dann durchs Niedergangsluk auf die Pantry. Ich mein, da WAR doch kürzlich noch eine Pantry, oder? Man sieht zwar nix außer einem prekär getürmten Haufen leerer Bierdosen und Rumflaschen und welker Gemüse und halb gegessener Guacamole und provisorisch abgewaschener Pfannen, aber bitte, ich könnt schwören, Anfang der Woche war da noch eine richtige zweizeilige Pantry, echt, Leute!
Meine Muttersprache kehrt vorübergehend zurück, ich räuspere mich und sage: „Leute, ich hätt gern…“
„Klar, ich mach Dir einen.“
„Nein, ich hätt gern…“
„Mit scharf? Oder nur Ingwer?“
„ICH HÄTT GERN ZUSAMMENGERÄUMT, BEVOR DIE MARGARITA KOMMT, LEUTE!!! HIER SCHAUTS AUS WIE IN EINEM MATROSENHEIM NACH DER JUNGGESELLENPARTY!“
„Isses ja auch. Also, nur Ingwer?“
„Nein. Mit scharf ist O. K.“
Ich sinke zurück ins Katamarannetz. Das Höllengetränk spült die letzten Reste Muttersprache weg. Margarita kommt. Wir werden total toll zusammenräumen, weil sie soll ja den richtigen Eindruck von uns haben. Zusammenräumen werden wir. Sowas von. Aber… not today…
Und als geisterhaftes Echo klingt die Stimme des Multiplen Markus durch meinem Kopf: “Glaubst, wird man selber so, wenn man zu lange hier auf der Insel bleibt…?”
Schätze, ja, Markus. Du brauchst nicht mal auf der Insel bleiben. Same shit, different Island, mon.
Noch so ein Ingwerdings, bitte, Jungs. Auf den Multiplen Markus, den Helden von Whisper Cove. Guten Flug, mon. Happy landing. And Jah Rastafar-I, ever livin, ever lovin, will make every little thing to be allright. One Love, mon!
2009 15 Jan
Reminiszenzen aus St. Lucia
Von: Michael Lynn um 10:39 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Der achte Wharram Wanderbrief, verfasst im „Scuttlebutts“ in Rodney Bay und übermittelt mit dem ARC 2008-Lan von Digicel – ganz lieben Dank für hohe Bandbreite zu keinen Kosten!
Zum ersten Mal seit sechs Wochen bin ich einen vollen Tag lang völlig allein: Ich streune durch die Rodney Bay Marina und entdecke die verlorene Zeit, denn hier wird sie plötzlich sichtbar.
Anderswo in der Karibik ist der Status Quo in zähes Gelee gegossen, das nur alle Jubeljahre durch einen Hurrikan oder Vulkanausbruch aufgemischt wird: Ob auf Union oder St. Vincent, du findest in jedem Hafen keinen Fortschritt. Die selben Bars, die selben Yachties, die von den selben Boatboys umzingelt sind und die selben Barkeeper, die grinsend die selben Drinks einfüllen, bis jede Messmarke überschritten ist. Sogar die Nägel, die seit Jahr und Tag aus bestimmten Dinghy-Piers herausstehen, scheinen unter Denkmalschutz zu stehen.
Aber Rodney Bay – also wirklich, das kennst net wieder.
Die Lagune von Rodney Bay ist ein perfektes Hurricane Hole mit einer langen, bewegten Geschichte, die wesentlich um einen französischen Piraten namens „Holzbein“, einen britischen Admiral namens Rodney und einen österreichischen Pyramidenspieler namens Werschlein rotiert.
Ersterer hinterließ einen legendenumwobenen Schatz, nach dem sie draußen auf Pidgeon Island noch immer buddeln.
Zweiterer tarnte die Riggs seiner Schiffe mit Palmwedeln, fiel den Franzosen in den Rücken und besiegelte die britische Vorherrschaft auf der Insel.
Dritterer prellte in den wilden Achtzigerjahren eine lange Liste gutgläubiger Charterkäufer um ihre Boote, hinterließ ausgeweidete Yachtwracks und veritable Millionenschulden – und dass St. Lucia, eben auf dem Atlas der österreichaffinen Charterdestinationen aufgetaucht, nicht gleich wieder in Vergessenheit versank, verdankt die Insel dem Ulli Meixner, der eines schönen Tages in Rodney den Anker seines 36-Fuß Wharrams warf, im Alleingang die Ruinen des Werschlein-Imperiums sanierte und mit DSL wie „Destination St. Lucia“ bis zum heutigen Tage eine kleine, feine Charterunternehmung in dieser Marina führt.
Halt, einen haben wir noch vergessen in der Liste der Wichtigen und Historischen: Jimmy Cornell, von Geburt Segler, vom Herkommen Rumäne, Autor des Standardwerkes „Segelrouten der Weltmeere“ und Begründer der Atlantic Rally for Cruisers. Sie führt seit 21 Jahren alle Jahre wieder weit über 200 Yachten von Gran Canaria nach St. Lucia, Rodney Bay. Die Idee hat erstens nicht wenige Leben gerettet, denn mit einem sicheren Netz wie dem ARC sind auch Herzanfälle, Mann-über-Bord-Events und ähnliche potenzielle Desaster ein bissel handhabbarer. Und zweitens dürfte sie viel Geld nach Rodney Bay gespült haben.
Denn als ich zum ersten Mal hier war, war das Scuttlebutt eine Bretterbude, in der Pina Colada im Schaumstoffbecher ausgeschenkt wurde und halbprofessionelle schokobraune Schönheiten, diskret von wild aussehenden Rastas angeleitet, sich von sexuell ausgehungerten Transatlantik-Seglern jagen ließen, bis sie einen gefangen hatten.
Die Rodney Bay Marina war eine übersichtliche Schwimmsteganlage, rund um die minderbudgetierte Yachties in stillem Wasser ankerten.
Und des Abends hörte man nix als die Zikaden.
Jetzt weht der Abendwind gelegentlich dumpfe Bässe karibischer Discos über die Lagune, in der neuerdings striktes Ankerverbot herrscht: Wer sich keinen Stegplatz leisten kann, muss leider draußen auf der Reede bleiben und darf mit Recht vermuten, dass seine Armut die Marinadirektion ankotzt.
Wo früher der nördliche Schwimmsteg war, hat ein rühriger Investor ausdrücklich betoniert: An riesenhaften, nachts in geisterhaftem Blau beleuchteten Betonpiers ist Platz für protzige Megayachten reserviert.
Und das Scuttlebutt ist zu einem amerikanisch-professionell organisierten Gastronomiebetrieb mutiert, in dem einem aufregende Kellnerinnen verzweifelt ein schlechtes Gewissen zu vermitteln versuchen, wenn man sein Bier beim Bloggen zu langsam trinkt.
Mother Ocean liegt draußen auf Reede. Dieses Blog hat drei Piton-Biere lang gedauert, mehr krieg ich nicht runter, liebe Scuttlebutts. Und wenn wen meine Armut ankotzt, soll er nicht rummaulen, sondern mir einen Scheck schicken.
Ich sattel jetzt meinen Radierer und fahr heim. Zahlen bitte. Und … – bis nächstes Mal in einer anderen Bucht.


