2010 30 Jan
Der zweite Wanderbrief 2010, welcher handelt von Sheba, Charlene und Riannas Feuerzeug.
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Mother Ocean im Advent 09: Ausbanlt!

Mother Ocean um die Jahreswende: Gerippt...

Mother Ocean im Jänner: Durchlüftet...

Der Bröthaler in der Arbeitspause: Waglhund mit Piton-Bier.

Mother Ocean gegen Ende Jänner: Wieder ein Boot!

Panik vorm Torschluss: Eine BEamrestaurierung in 24 Stunden...

Das geht net allein: Zusammenbau, bevor der Bröthi heimfliegt.
Unter diesem Vollmond könnte man Zeitung lesen. Ich sitze ich auf meiner Werkzeugkiste und kraule Charlenes virbrierenden Bauch. Ihre Schwester sitzt drei Meter weiter auf dem Boden und macht Zickenterror.
Nein, das wird kein Karibikporno, geschätzte Leserin, verehrter Leser:
Charlene und Sheba sind die offiziellen Boatyard-Katzen von Rodney Bay. Sie gehören der theoretischen Chefin der theoretischen Boatyard-Bar. Theoretisch, weil die Bar zwar schon steht, aber die Chefin und das Boatyard-Management seit Monaten über die finanziellen Rahmenbedingungen verhandeln. Das ist lästig für mich, weil mir das Abendbier jedesmal einen halben Kilometer Fußmarsch abverlangt. Und lästig für Charlene und Sheba, die sich im Boatyard mopsen und jeden Abend maunzend zu mir kommen, um sich ihre Krauleinheiten abzuholen.
Ich kraule Shebas vibrierenden Bauch und zünde mir mit Riannas Feuerzeug eine Zigarette an. Rianna ist keine Langhaarkatze. Oder eigentlich irgendwie doch. Und blond! Aber sowas von! Heute Abend beim Sundowner setzte sie sich neben mich, grinste mich an und nahm mir den Aschenbecher weg. Das mit dem Grinsen wär schon in Ordnung gewesen, aber den Aschenbecher hätt ich doch gern… – naja.
Ich mache eine halbe Stunde Smalltalk kurz: Rianna ist seit sieben Monaten als Köchin auf einer kleinen Charteryacht unterwegs, erzählt sie. Wie klein, frage ich. 68 Fuß, sagt sie. Ah.. ja. In der Tat. Wir reden ein bisserl über das Leben als Charterknecht und wie unfair es ist, dass ihr der Käptn immer die Zigaretten wegraucht.
Dann springt sie plötzlich vom Barhocker, sagt etwas atemlos „Just a moment!“ und eilt im Laufschritt davon. Ihren Tequila Sunrise und ihr Feuerzeug lässt sie da. Als sie zwei Bier später noch immer nicht zurück ist, denke ich kurz nach, ob ich was Falsches gesagt habe. Ich mein, verwunderlich wärs nicht.
Weil seit zwei Monaten bin ich von Beruf Holzwurm und vom Erscheinungsbild her Epoxid-Model: Das da in meinem ergrauten Haar sind keine Rastazopferln , das sind Spuren von Kontakt mit frisch eingelassenen Bordwänden und Stringern.
Es ist nämlich so: Der Bröthaler und ich haben anzaht wie die Wagelhund. Eine Woche, nachdem die Mother Ocean an Land abgesetzt war, stand im Schatten zwischen den Rümpfen eine kleine, feine Werkstätte, komplett mit selbst gezimmertem Arbeitstisch. Knapp vor Weihnachten war der hinterste Beam samt den Stehern für die Solaranlage demontiert und alles, was im Backbordhack rott war, rausoperiert, und bitte, das heisst alles bis auf den Steven und die äußere Bordwand.
Drei Wochen später war alles wieder neu und drinnen – 48 Teile hab ich gezählt von den Stringern über die Buttblocks bis zu den Bordwänden. Dann wars Zeit für den Bröthaler, heimzufliegen und in der letzten Woche seines Hierseins haben wir nimmer viel geredet, weil alles ein bisserl atemlos wurde: Einen Beam einsetzen und eine Solaranlage montieren geht nämlich echt nur zu zweit.
Am Panikpunkt waren wir Montag, als wir draufkamen, dass der hintere Beam auch eine großflächige Amputation braucht: Ein Drittel der Substanz flog raus, weil mürbe, und war binnen 24 Stunden durch frisches Holz ersetzt, zurecht geschliffen, eingelassen und am Mittwoch haben wir den Beam eingebaut und die Solaranlage aufgesetzt. Donnerstag hab ich den Bröthaler dann in den Flieger gepackt und jetzt sitzt er daheim, friert sich den Hintern ab und bereitet die Bootsmesse in Tulln vor.
Und ich – ich mach allein weiter und abgesehen von den vielen Neugierigen, die jeden Tag vor dem Boot stehen und mehr oder weniger sachgerechte Fragen stellen, und abgesehen von den Marinahacklern, die gelegentlich zu mir kommen, um sich Werkzeug auszuborgen, und abgesehen vom Boatyard-Boss, der mir immer öfter unverhohlene Avancen macht, doch meine Existenz nach St. Lucia zu verlegen und der Boatyard-Tischler zu werden, hab ich wenig Ansprache. Außer halt Charlene und Sheba.
Könnt also sein, dass ich schon langsam ein bissl kommunikationsschwach werde. Oder vielleicht angefangen habe, zu sagen, was ich mir wirklich denke – und das, ohne es zu merken.
Rianna kam jedenfalls nicht mehr zurück, und das macht eigentlich überhaupt nix. Ich hätt eh nix Konkretes von ihr wollen. Im Gegenteil, ihr plötzlicher Aufbruch war bereichernd. Weil erstens hab ich meinen Aschenbecher jetzt wieder für mich. Und zweitens – ihr Feuerzeug hab ich eingesteckt.
Nachsatz: Diesen Wandbrief hab ich gestern Nacht dann nicht mehr abgeschickt, und gut wars, weil heute Früh sah ich Rianna wieder, auf dem Vorplatz der Marina. In hautengem Kontakt mit dem offensichtlichen Grund ihres gestrigen plötzlichen Aufbruches: Geschätzte 25, Unterhosenmodelfigur, rabenschwarze Haut, wilde Rastalocken, und eine klodeckelgroße Hand auf Riannas Hintern. Sie hat, was sie braucht. Ich auch. Ihr Feuerzeug. Meines war grade am Eingehen.
Das Leben ist O.K., schätze ich. Nur das Epoxi in den Haaren, das macht mich echt narrisch.
2010 9 Jan
Das fröhliche Exil von Gros Islet: Der erste Wanderbrief 2010
Von: Michael Lynn um 0:07 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Wenn man über Wochen auf einem umzäunten Bootsstellplatz vor sich holzwurmt, ist der Lagerkoller nur eine Frage der Zeit. Uns erwischte es zu Sylvester. Den 31. hatten wir noch in Ehren rübergebogen, geparkt in einer kleinen, ausschließlich von Einheimischen frequentierten Bar, die über ein Dinghydock in der Einfahrt von Rodney Bay erreichbar ist. Feuerwerk, Rum Punch mit mächtigem Bizepts, jeder zweite Drink gratis – so lässt sichs doch eigentlich aushalten, oder?
Aber am 1. Jänner waren alle Rolladen in Rodney herunten, die Gehsteige waren hochgeklappt, in der Marina sagten sich die Füchse gute Nacht, und am Boatyard waren der Raini und ich die einzigen lebenden Wesen, wenn man mal von den drei rachitischen Inventarhunden absieht.
Es war der Reini, der mich dann sanft, aber nachdrücklich aus dem Tor geschubst hat. Weil ich hätte resigniert. Aber er hat sich glatt eingebildet, irgendwo muss irgendwas offen sein, ganz felsenfest sicher. Und falls wer glaubt, genau so war es auch… – naja, genau so war es auch.
Vorm Boatyard trafen wir einen Kauz, und er nahm uns unter die Fittiche, und als wir uns bekannt machten, sagte er, sein Name sei Artiste.
Artiste ist vermutlich geborener Franzose, sprich holprig Englisch, fließend Creole, ganz gut Spanisch, bissl Italienisch und offenbar noch ein paar Sprachen aus Gegenden, die Du und ich nur vom Hörensagen kennen. Nach eigenen Angaben ist er 71. Ausschauen tut er wie fünfzig Plus und in einer milde einsturzgefährdeten Eingeborenenhütte in Gros Islet schreibt er an seinen Memoiren.
Artiste führt uns zum freitäglichen Straßenfest von Gros Islet und wir sind gerettet: Auf der zentralen Straßenkreuzung des Dorfes röhrt progressiver Reggae aus mannshohen Lautsprechern, runherum brutzeln frisch verstorbene Nutztiere auf selbst geschweißten Holzkohlengrillern, und ganz gleich ob nachtschwarz oder kasweiß – hier und heute Abend sind alle Menschen Brüder.
Artiste lebt seit 20 Jahren hier im Dorf, sagt er. Und er erzählt uns, wie es kam, dass knapp 100 Schritte vom fashionablen Rodney Bay ein karibisches Dorf in einer Zeitkapsel überlebt hat: Gegründet wurde die Ansiedlung zur napoleonischen Zeit, nämlich als die kreolische Franzosenkaiserin Josephine beschloss, die in ihrer Heimat Martinique von den Jakobinern abgeschaffte Sklaverei wieder einzuführen. Damals schwappte eine veritable Flüchtlingswelle über die St. Lucia-Strasse, und die Exilanten aus Martinique ließen sich am Rand der Rodney Bay nieder, bauten Holzhütten, nannten das Dorf Gros Islet und lebten fortan frei und in Frieden in St. Lucia.
Dann kamen die Yachten und die Investoren und die Marina in Rodney Bay – und für Gros Islet war das keine gute Nachricht: Die Brücke, die das Dorf mit dem Rest von St. Lucia verband, wurde abgerissen. Die ersatzweise angelegte neue Straße machte einen Bogen um Gros Islet – und das Dorf verkam zum Ghetto, explodierenden Drogenkonsum und ausufernde Kriminalität inklusive. Und für den Abriss der mittlerweile 150 Jahre alten Hütten und einen schmucken Neubau in zeitgemäßem, gesichtslosem Beton hatte einfach niemand das Geld.
Und so kam es, dass Gros Islet, in den letzten Jahren von einem klugen und tatkräftigen Bürgermeister durch Initiativen wie das freitägliche Straßenfest sozial saniert, über weite Strecken noch heute aussieht wie die Karibik, die wir aus alten Filmen kennen.
So erzählt Artiste und vergisst nicht, zu sagen, dass Gros Islet gefährlich ist: „It is dangerous, my friend: You go there, you fall in love with it, and you stay and you never go back. Verrry dangerous!”
Überm dritten Bier erzählt Artiste dann, was er getrieben hat, bevor er in Gros Islet sesshaft wurde: Vom Horror des Algerienkrieges, den er als blutjunger Bursch mitgemacht hat, von Arabien, Guatemala, Kanada, wo seine Kinder leben… – „It was simple: I went to all the places where no one would go, did all the jobs nobody wanted, and met the most wonderful people everywhere in the world.”
Es war der unterhaltsamste Abend, seit wir hier angekommen sind. Und wenn Artiste seine Memoiren herausbringt, dürften sie Pflichtlektüre sein. Merci, Artiste! Its good to know you!

