Österreichs Magazin für Segeln, Motorbootfahren und Wassersport





2008 27 Dez

Christmas in Paradise

Von: Michael Lynn um 11:20 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare

Wharram Wanderbrief nr. 5, verfasst in der Le Phare Bleu Marina, wo das Internet schon wieder gratis ist. Merci vielmals!

Ondrej liegt auf dem Rücken, lutscht am Daumen und träumt.

Nein, nicht Georg Ondrej, sondern Dominik, sein zweijähriger Sohn, der zwar noch nicht “Klar zur Wende!” sagen kann, aber 1000 Meilen gesegelt sein wird, bevor er seinen dritten Geburtstag feiert.
Georg nimmt ihn diesen Winter erstmals auf seinem Karibiktörn mit – und offenbar fühlt sich der kleine Mann pudelwohl.

Es ist stille Nacht, heilige Nacht auf der Västra Banken, einem schwedisches Leuchtfeuerschiff, das huckepack auf einem Frachter nach Grenada gereist ist und jetzt ein sensationelles Restaurant in der gepflegtesten Marina Grenadas beherbergt. Rezept: Karibische Lockerheit mal Schweizerische Präzision ergibt einen sensationellen Mix.

Auf der Västra Banken zum Dinner versammelt sind CSI Yachtcharter-Boss Georg Ondrej, Palagruza Cannonball-Erfinder Ronnie Zeiller, mit Alex Kagl und Markus Hofstätter zwei Säulen der legendären Equinoxe Bigboat-Crew – und Lady, Lydia und Margarita, die besseren Hälften der Mother Ocean Katamaran-Crew.

Am Vormittag hat die Mother Ocean zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren abgelegt und ist durch zwei Riffpasagen eine Bucht weiter zur Phare Bleu gesegelt. Es war wie Weihnachten – und es war ja auch Weihnachten.

Dann fuhr ich zum Airport und holte meine Crew ab – danke Condor, für die pünktliche Lieferung.
Und als wir am Boot ankamen, fanden wir es festlich beflaggt und mit etwas gemütlichem Streulicht von der Decksbeleuchtung vor – danke, Markus, das war sehr, sehr nett!

Jetzt feiern wir – und widmen Euch, liebe Daheimgeblieben, ein freundliches Gedenken.

Merry Christmas von der Mother Ocean!



2008 19 Dez

Endlich angekommen

Von: Michael Lynn um 15:11 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare

Das Tropeninstitut ist eine feine, kleine Einrichtung in der Wiener Lenaugasse, mit einem großen Wartezimmer, in dem man bunten Korallenfischen beim Langeweile haben zusehen kann, während man auf seine Impfungen gegen alle in der Karibik heimischen Malaisen wartet.

Man wird dort freundlich darauf hingewiesen, dass die beste Prophylaxe gegen Tropenkrankheiten eh net die Impfung ist. Sondern vielmehr die Vermeidung von Moskitostichen. Und dass es da was besonders wirksames gibt, nämlich die Wundersubstanz DEED, die unter diversen Markennamen wie „Off!“ im guten Fachhandel erhältlich ist.

Täte ein karibischer Moskito dieser Belehrung lauschen, er fallert vor Lachen von der Wand.

Karibische Moskitos trinken eine Literdose DEED als Aperitiv und versammeln sich dann zu kompakten Wolken, die Hunde und spielende Kinder einhüllen, und sie skelettiert zurücklassen. Sie heben schlafende Yachttouristen aus ihren Kojen und tragen sie ins Mangrovendickicht, um ihre Jungen mit ihnen zu füttern. Unter dem Mikroskop zeigt sich, dass sie löwenartige Rastafrisuren tragen, spitz zugefeilte Zähne haben und dass auf ihren T-Shirts “Fuck OFF!” steht. Karibische Moskitos stehen ganz weit oben an der Spitze der Nahrungskette und Du mit Deiner Dose OFF, liebes Weißbrot, bildest ihre ertragreiche Basis.

Frühstückszeit für Moskitos in der Whisper Cove Marina

Ich schreibe dies um sechs Uhr Früh unter einem Wellblechdach, auf das ein warmer Morgenregen prasselt, in der Whisper Cove Marina in Grenada. Vor einer halben Stunde haben mich die Moskitos geweckt, um mir mitzuteilen, dass es Frühstückszeit ist. Nicht für mich. Für sie.

Ich habe meinen Laptop unter den Arm geklemmt und mich auf die Veranda der Marinabar gesetzt, sechs e-Mails beantwortet und nebenbei Konversation mit einem Gecko gepflegt. Er sitzt gleich neben mir auf dem Verandazaun, vollkommen relaxt , und setzt sich nur dann in blitzartige Bewegung, wenn ein Moskito vorbeikommt: Schnapp und aus. Another one bites the dust.

Es regt zum Philosophieren an: Wenn man ist, was man isst, dann bestehen Moskitos zu wesentlichen Teilen aus Mensch, und Geckos zu wesentlichen Teilen aus Moskitos.

Wenn ihr also nach Grenada kommt, Freunde, und Jean-Claudes Bar in der Whisper Cove frequentiert: Steigt nicht versehentlich auf den Gecko drauf. Sondern begrüßt ihn freundlich. Er ist sozusagen meine übernächste Inkarnation.

Falls sich jemand bei Lektüre dieser Zeilen fragt, um ich am Durchknallen bin: Njain.

Aber wenn man drei Wochen Zeit hatte, ein Katamarandeck zweimal mit Awlgrip zu lackieren, neue Netze zu installieren, ein Rigg zu revidieren, sechs Winschen zu servicen und vom gebrochenen Klodeckelscharnier bis zur verreckten Curryklemme 231 “Diverse Kleinteile”-Positionen abzuarbeiten, und vier Tage vor Torschluss merkt, dass man es offenbar wirklich schaffen wird, dann stellt sich so eine Art innerer Nirvana-Zustand ein, und zum ersten Mal sieht man seinen eigenen unsichtbaren Hasen neben sich sitzen, noch nicht einsachzig, eher ein fröhlich pubertierendes Kanuckel, und man tauft ihn Gautama Harvey, und man spürt, dass man endlich in der Karibik angekommen ist.

Yo, man. No problem.



2008 15 Dez

Men at Work

Von: Michael Lynn um 5:59 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare

Men at Work

Wharram Wanderbrief Nr. 3, verfasst in der Bar der Whisper Cove Marine, weil da ist das Internet gratis. – Merci, Jean-Claude!

“Glaubst, wird man selber so, wenn man zu lange hier auf der Insel bleibt?”
Der multiple Markus schaut mich von der Seite an.
Ich drehe nachdenklich eine Flasche Carib Beer in der epoxiverschmierten Hand.
“Wenn ja, dann lass uns machen, dass wir hier wegkommen…”

Men at Work! In der Whisper Cove Marine wird gearbeitet, dass Schleifbock und Epoxispachtel glühen

Der multiple Markus ist vor zwei Tagen zum Superpreis mit der Condor eingeflogen, danke liebe Condor, auch für das 30 Kilo-Limit beim Gepäck! In der einen Hand schleppte er 25 Kilo Katamaran-Netz, das kann man nämlich in Genada net kaufen, in der Steiermark aber schon – tippts mal “netzwelt.at” in den Browser, liebe Katamarinistis. An der anderen Hand hielt er Margarita, zu Recht Königin seines Herzens.

Die beiden haben nicht genug Geld in der Tasche, um auf der Mother mitzusegeln. Also schwingen sie als Heuer zwei Wochen lang unter der glühenden Sonne und von Moskitos umschwirrt Schleifblock, Lackpinsel und Epoxispachtel. Und falls sich irgend jemand einbildet, sie haben auch noch Spass dabei: Genau so ist es.

Multipel ist der Markus, weil er erstens ein exzellenter Raceboat-Vordecker, zweitens ein umsichtiger Rigger, drittens ein begnadeter Handwerker, viertens ein advanced open water diver und fünftens net umzuhauen ist. Sechstens führt er, wann immer ihm der Segelsport die Zeit dazu lässt, eine ebenfalls multiple Webdesign-/Grafik-/Fotografie-/Kreativ- und Eventagentur in Salzburg, aber ist das wirklich wichtig?

Den multiplen Markus haut wie gesagt normal nix aus den Schuhen. Aber Rob, der knieweiche Bootstischler, hats jetzt doch einmal geschafft. Seit wir zu dritt über das Boot kraxeln, um die überfällige Deckslackierung vorzubereiten, finden wir im Viertelstundentakt die Dinge, die Rob bei seiner mehrmonatigen Arbeit an der Mother Ocean übersehen, vergessen oder schlicht verbockt hat: Hier ein zwar sauber grundierter, aber leider an der Unterkante ausgebrochener Deckel, dort ein offensichtlicher Epoxischaden, der während der Arbeiten in 10 Minuten zu beseitigen gewesen wäre, jetzt aber, wo das Boot zusammengebaut ist, eine Haupt- und Staatsaktion auslöst. Und so weiter und so völlig weggetreten.

Mit einem Wort: Rob ist echt nicht allein. Wir nehmen mittlerweile an, dass er ständig von einem unsichtbaren, zwei Meter hohen Hasen namens Harvey begleitet wird. Und es liegt nahe, dass er Harvey mit den auf diskreten Lichtungen im Regenwald überreich wuchernden Kräutern der Gattung Cannabis Sativa füttert.

Weil das tun hier nämlich alle: Gestern Nachmittag haben die Rigger von der Firma Turbulence das Achterstag wieder abgehängt, keine zwei Wochen nachdem sie die Lanze feierlich aufgestellt haben. Sie oder ihre Zweimeter-Hasen haben nämlich leider das falsche Terminal auf den Draht gewalzt und das Ganze mit zwei ineinander gehängten Schäkeln zu beheben versucht. Dass ich nicht einverstanden war, hat sie bleibend überrascht.

Jedenfalls: Sie kamen schwebenden Schrittes an Bord, trugen nachtschwarze Sonnenbrillen zu den gestrickten Rastamützen und verständigten sich in zeitlupenartigem Pidgin. Irgendwie verblüffend war nur, dass sie einen Bootsmannstuhl als Aufstiegshilfe benützten: Hätten sie die Schraubenschlüssel aus den Shorts getan, dann wären sie wahrscheinlich mit der Thermik in den Mast geschwebt, so stoned waren sie.

Und jetzt auch noch Jean-Claude, der Thunfisch-Gott! Jean-Claude und Evelyne haben vor einem Jahr spontan die Whisper Cove Marina gekauft und betätigen sich seither vornehmlich als Wirten und Barkeeper. Net wirklich professionell, aber mit Herz und deshalb umso besser: Gestern erst hat uns Jean-Claude in seiner Küche einen halben Meter Bruststück von einem Thunfisch präsentiert, der am Vortag noch ahnungslos durch die Grenadastrasse geschwommen und am Morgen danach auf dem Weg zum Fischmarkt von St. Georges leider durch Fremdeinwirkung verschieden ist.

Jean-Claude hat uns daraus am Abend ein Thunfisch-Carpaccio gezaubert, dass in die Legende eingehen wird, und weils so schön war, gabs danach ein kreolisch gewürztes Thunfischsteak und dann konnten wir nicht mehr “Papp!” sagen, aber echt.

Jean-Claude hat nur ein einziges klitzekleines, aber nicht unwesentliches Problem: Seine erdbebensichere Annahme, dass er als Vertreter der Grande Nation ein Grundrecht auf französische Konversation hat, kollidiert im Zehnminutentakt frontal mit der Realität Grenadas. Er ist natürlich höflich, gehört sich ja für einen Franzosen. Also tut er so, als ob er jedes Wort versteht, wenn er auf Englisch, Italienisch oder Portugiesisch angeredet wird.

Um so komplexer gestaltet sich dann der Ablauf, wenn Markus, Margarita und ich an die Bar treten, um was Kaltes nachzutanken. Wir bestellen höflichkeitshalber in gebrochenem Französisch ein Ting (die hier allgegenwärtige Zirtonenlimo) auf Eis, also “glace”. Jean-Claude geht höflichlichkeitshalber davon aus, dass wir ihn Englisch angeredet haben und leert ghortsam das Ting in ein “glass”. Und ab da wirds etwas komplex.

Und irgendwann fragt dann der multiple Markus: “Glaubst, wird man selber so, wenn man zu lange hier auf der Insel bleibt?”

Womit wir am Ende dieses Wanderbriefes wären. Die Story von der Steuerprüferin, die mich segeln schickte, liefere ich vielleicht nächstes Mal, Ehrenwort. Und falls es wen interessiert: Der Dhingy-Blasebalg ist aufgetaucht. Im vorderen Laderaum. Aber wen interessiert das schon wirklich?

Maus- und Screenbruch, mon!



2008 9 Dez

Wie alles anfing

Von: Michael Lynn um 21:12 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | 4 Kommentare

Diese Reise begann eigentlich schon vor ein paar Jahren, genau gesagt am 7. September 2004. An diesem Tag überquerte Hurrikan Ivan die Insel Grenada. Er zerstörte die Kirche von St. Georges, deckte rund 90% aller Häuser ab auf der Insel ab und tötete 39 Menschen. Auf dem Weg zur Arbeit überquerte er auch den Katamaran Mother Ocean, der in der Marina Grenada Marine an Land lag. Als ich einen Monat später hinflog, fand ich verwelkte Palmwedel ins Rigg geflochten vor. Meine Solarpaneele waren in die angrenzenden Mangroven geweht worden. Und an Segeln war nicht zu denken, weil nämlich das Segelloft in einem zirka auf brusthoch zusammenkomprimierten Holzstapel auf meinen Segelsäcken lag, und das für ein gutes halbes Jahr.

Ich übte mich in Geduld, beseitigte 2005 die Schäden und ließ das Boot weiter auf der Insel, vor allem aus tiefer Sympathie für die Grenadiner: Wie sie die Ärmel aufkrempelten und aus einem Atombombenschaden wieder eine paradiesische Insel machten, gefiel mir. Da ein bisschen Liegeplatzumsatz beizutragen, ist kein Fehler, richtig?
Falsch. Nach Hurrikan Ivan war der Regenwald von Grenada mit unvorstellbaren Mengen Bruchholz gefüllt. Bruchholz mal tropisches Klima dividiert durch den größten anzunehmenden Unfall gibt …? Korrekt: Termiten. Mother Ocean fing sich Termiten ein, und zwar an den denkbar ungünstigsten Plätzen: Hinten in den Rumpfenden, wo die Püttinge für die Achterstag sitzen.
Ein karibischer Kammerjäger erschien auf der Szene: Rastafrisur, Doppelfilter-Gasmaske, Rückentank mit Handspritze, Short, T-Shirt und Sandalen. Er tötete alles, was sich auf dem Boot bewegte und in der Langfristperspektive wahrscheinlich auch sich selbst. Ich ging rechtzeitig zur Seite und wartete dann ein halbes Jahr lang auf einen Reparatur-Kostenvoranschlag von Grenada Marine, aber der kam nie, weil der Komposittechniker nämlich spontan für ein paar Monate nach Venezuela musste: Sein Onkel und seine Tante waren dort leider bei einem Raubüberfall erschossen worden und hatten zwei Kinder und recht komplizierte Angelegenheiten hinterlassen, die nicht so schnell zu ordnen waren. Verstehen wir, aber… naja…
Wenn man merkt, dass man Geduld übt, hat man sie bereits verloren. Ich flog auf die Insel, stellte Grenada Marine ein 7-Tage-Ultimatum und organisierte eine Fallback-Option. Grenada Marine lieferte zum Ultimatum wieder keinen KV. Ich beauftragte noch am selben Abend Mark und Anita Sutton von Island Dreams Yacht Services als Generalunternehmer, ließ den Kat komplett auseinandernehmen und Stück für Stück restaurieren. Es war wie ein Hausbau. Nur spannender.
Jetzt ist er fast fertig. Und ich bin an Bord und schreibe von hier aus meinen ersten Wanderbrief. Im zweiten werden ich erzählen, wie mich eine Steuerprüferin segeln schickte, warum meine besten Freunde Geckos sind und wo ich den Blasbalg für mein Schlauchboot wiedergefunden habe. Wenn ich ihn denn wieder finde. Aber denken wir positiv: No problem, maaan, wie der Rasta zu sagen pflegt.

Bis bald
an Bord der Mother Ocean