Österreichs Magazin für Segeln, Motorbootfahren und Wassersport




2010 22 Jun

I love the French!

Von: Michael Lynn um 20:06 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare

Bitte, ich liebe französische Skipper. Die können vieles total gut. Essen zum Beispiel, davon verstehen sie was. Rotwein-Experten sind sie auch. Da können wir ihnen nicht das Salzwasser reichen. Aber wenn sie anfangen, Schiffe zu bewegen, sollte man rechtzeitig in Deckung gehen, damit einen nix trifft. Mother Ocean zum Beispiel traf ein Bugsprit. Straight durch ein Fenster über der Pantry. Festgemacht im Packl mit einem südafrikanischen Kat an der Reception Pier in der Marina von Horta, Faial, Azoren. Und jetzt probier mal, ein Fenster aus einem Zentimeter Plexiglas aufzustellen 85 x 25 Zentimeter, mit  runden Ecken und 24 präzise gebohrten Schraublöchern.

Bitte, binnen 24 Stunden haben wir auch das geschafft und danke, liebe Mid Atlantic Yachtservices: Die Truppe ist echt Spitze. Die Lieferung abgewartet haben wir in der nach einhelliger Jurymeinung besten Segler-Bar des Planeten. Sie heißt Peters Cafe Sport und hat keinen freien Fleck Wand, weil jede Crew, die auf sich hält, hat dort ihren Crewwimpel aufgehängt und dazu ein mehr oder weniger hübsches Graffiti an der Hafenmauer hinterlassen.

Freundlich und hilfsbereit ist das Personal. Genau wie die Taxler, die Handwerker, die Verkäufer im Werkzeuggeschäft, und überhaupt alle Azorianerinnen und Azorianer, denen wir begegnen. Das einzige Gesäß, das aus diesem schönen Bild hervorleuchtet, war der französische Skipper, der mir breit grinsend erzählt hat, meine Crew ist schuld, dass er uns gerammt hat, weil hätt sie rechtzeitig die Fender rausgehängt… – ich hab ihn nicht getötet. Zu meiner bleibenden Verwunderung. Aber segeln beruhigt offenbar ganz gut und nachhaltig.


Abstürzende Drucklinien - ein Bild von einem Sauwetter auf 39N/60W

Abstürzende Drucklinien - ein Bild von einem Sauwetter auf 39N/60W

Vier Tage vorm nackten Mast. Erzieherisch, irgendwie....

Vier Tage vorm nackten Mast. Erzieherisch, irgendwie....

Fright Night: Irgendwann warens nicht mehr 8 Bft, sondern 10...

Fright Night: Irgendwann warens nicht mehr 8 Bft, sondern 10...

King Kong war da - ein Bild von enem Wellenschlag.

King Kong war da - ein Bild von enem Wellenschlag.

Die gute Energie - danke,Delfine!

Die gute Energie - danke,Delfine!

Wir habens geschafft. Wir habens… geschafft… – ge… – wie eigentlich? Ich schaue auf die letzten 24 Tage zurück und sehe 30-sekündige youtube-clips durch mein Gedächtnis rauschen – aufgenommen aus ziemlich seltsamen Kamerawinkeln. Hab ich Entkörperlichungserfahrungen gehabt? So ähnlich wie diese häufig beschriebene Nahtod-Nummer, wo Du von unten auf Dich runterguckst, und auf die Ärzte, die den Defi laden?

Egal. Schreib ich halt diesen Blog auch in Form von youtube-clips. Filmausschnitte von einer Reise an Grenzen: Treibeisgrenze, physische Leistungsgrenze, psychische Leistungsgrenze, pipapo. Am besten, wir machens gleich mit youtube-kompatiblen Filmchentiteln:

“Flying Dolphins in Raging Waves
Never seen before – watch it!”

Ich stehe am Steuer und schaue einer Schar Delfine beim Spielen zu. Normalbetrieb, irgendwie, bis auf die Tatsache, dass ich dazu den Kopf ins Genick legen muss. Seit wir Bermuda verlassen haben, schickt uns ein kompaktes subtropisches Sturmtief Winde, die uns in einer ziemlich geraden Linie nach Norden treiben. Ist mir Recht: Mother Ocean ist ein Segelboot, kein Motorsegler. Also folge ich der traditionellen Route Richtung 40 Nord, 50 West. Oder doch eher 60 West? Jedenfalls: Der Weg ist ungewöhnlich nass und salzig, weil hart am Wind bei sechs bis sieben Windstärken und entsprechende Welle. Entsprechend zermürbt kriecht die Wache bei Sonnenaufgang hinters Steuer. Es ist ein strahlend klarer, wolkenloser Morgen. Das Meer ist tintenblau mit persilweißen Schaumkronen – und dann sind die Delfine da. Sie ziehen über mir durch Wellen, die das Deck um Meter überragen und man sieht, sie haben Spaß dabei. Ansteckenden Spass. Meine Müdigkeit verfliegt. Ich beginne, im Kreis zu grinsen. Delfintherapie für Seeleute? Gibts nicht? Gibts doch. Macht´s gut – und danke für die gute Energie…

“Insane  Offshore Action!
Must see – these blokes are out of their effing minds, man!”

Kameraeinstellung: Mother Ocean von leicht oben, so zirka aus der Höhe erste Saling, beschienen von einem diffusen Vollmondlicht, das durch eine niedrige Wolkendecke scheint. Alles, echt alles ist geisterhaft weiß: Das Deck, der zunehmend flächendeckende Schaum auf dem Wasser, die Welle, die seitlich über das Boot donnert und sich anschickt, zu zertrümmern, was nicht niet- und nagelfest (und vor allem Wharram-kompatibel wasserdurchlässig!) ist, und zwei Gestalten, die im Chaos übers Deck turnen. Der Soundtrack ist ein höllisches Kreischen und Pfeifen.

Vor Einbruch der Dunkelheit haben wir die Segelfläche auf die erstens handtuchgroße, zweitens kugelsicher ausgeführte Sturmfock reduziert. Gut so. Nach dem Wechsel fuhren wir zwischen fünf und sieben Knoten über sechs Meter Welle. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden es acht bis 12 Knoten über acht Meter Welle. In meiner Koje liegend registriere ich den zunehmenden Wind als anschwellendes Brummen und die Welle als irgendwas zwischen sehr lautem Rauschen und gedämpftem Donner. Und es wird lauter, und lauter, und…. – naja. Nix, wo Du ruhig schläfst, halt. Irgendwann macht der Rudergänger eine falsche Bewegung und wir schlagen quer. Als ich an Deck stürme, liegen wir mit backstehender Sturmfock da und der Wind, vor dem wir vorher elegant davongelaufen sind, erzeugt ein Kreischen in den Wanten, das irgendwie fatal an Unzucht treibende Katzen erinnert. Nur noch viel lauter und böser. Ich muss an diesem Punkt irgendwie meinen Körper verlassen haben. Weil die erste Welle, die über das Boot geht, zeigt mir meine Erinnerung richtiggehend aus der Vogelperspektive. Wie länge hält das Boot das aus, frage ich mich. Im Hirn leuchtet das Blinklicht „don´t panic“ auf. Ich flute mein Hirn mit valiumanalogen biologischen Wirkstoffen, werde ganz, ganz ruhig, ignoriere das Unmittelbare und rede erst mal von Mittelbarem, aber für den Fortgang der Reise auch ziemlich Spielentscheidendem: „Lieber Andi,“ sagte ich zum Andreas Hess, „wenn wir die Sturmfock morgen noch haben wollen, muss sie jetzt leider runter.“ Der Hess ist als Vordecksmann ein Gigant. Wortlos geht er nach vorne in die fliegende Gischt. Oder eigentlich: Er kriecht. Ungefähr so wie sich die Igel vermehren, und Igel vermehren sich sehr vorsichtig. Gut so. Zeitweise sehe ich ihn bis zur Hüfte im Wasser sitzen. Echter Held, also wirklich. Als die backstehende Fock weg ist, stelle ich mich ans Steuer und lasse mich von den Wellen mit jedem Einschlag mehr auf einen platten Downwind-Kurs dreschen. Nach gefühlten 120 Jahren zeigt die Logge wieder Speed: 2 Knoten, vier, sechs… – irgendwann tunt sich das enervierende Kreischen auf das vertraute Brummen zurück. Wir laufen acht bis 14 Knoten unter nacktem Mast. Immer noch zu schnell. Der Raini Bröthaler erscheint an Deck und mischt sich in den Kriegsrat ein. Ich plädiere dafür, als Seeanker einen der Autoreifen zu wassern, die wir in Bermuda mitgenommen haben. Raini plädiert für eine Leinenbucht und gewinnt: Die Leine nimmt den Surfs den letalen Impact, ohne den Speed nachhaltig zu beschädigen. Sie wird für Tage unser bester Freund werden: Insgesamt laufen wir vier Tage unter nacktem Mast, mindestens 24 Stunden davon mit Leinenbremse.

“Kong is King
Wave-battered Wharram cat – incredible footage, looks like Kong Kong walked the deck in anger…”

Der Andi Hess ist ein ganz Genauer. Gut so, denn einen ganz Genauen braucht es in jeder Crew. Ich meine, dass er irgendwann unbemerkt meine Reisenotizen von früheren Törns und meine Segel- und Funkscheine aus der Lade geholt und einzelweise abfotografiert hat, ist vielleicht ein bissl unsensibel und intrusiv,  und empfindlichere Naturen als ich hätten einen bleibenden Grant davongetragen, wegen Verletzung der Privatsphäre und so,  und bei nächster Gelegenheit werd ich wohl ein Schloss auf meine Laden tun, aber es hat halt alles im Leben ein Preisztterl, und dass man einen ganz Genauen an Bord hat, ist wirklich wertvoll. Speziell für mich, der ich dazu neige, bissel autistisch die höheren Probleme von Wetterlage, Schiffsstruktur und Strategie zu wälzen, den Tagesbetrieb zu vor sich hin laufen zu lassen und mich erst einzumischen, wenn etwas Bedrohliches am Horizont erscheint. Jedenfalls – der Andi checkt meistens als Erster, wenn was falsch ist oder fehlt. Im ersten Morgenlicht nach einem Frontdurchgang checkt er dann auch als Erster, dass die Mother Ocean keinen Laufsteg mehr über dem vorderen Netz hat. Wir hatten die bewährte, aber sperrige Passarella drauf gebunden, und das war ein Kunstfehler, denn das vordere und hintere Drittel eines Wharram sind entweder wasserdurchlässig – oder Toast. Und die Passarella war eben net wasserdurchlässig. Jetzt sieht sie aus, als hätte King Kong auf ihr Flamenco getanzt. Und der Steg darunter auch. Trümmerbruch nennen das die Mediziner, glaub ich. Ähnlich schaut es am Heck aus: Eine Welle hat das hochgeholte Ruderblatt der Selbststeueranlage getroffen und das solide Nirostarohr dahinter bis zur Unkenntlichkeit verbogen. Ein zweiter Einschlag holt es in derNacht darauf endgültig ab. Ich zucke resigniert die Achseln und schaue zum nächsten anrollenden Wellenkamm hinauf: Ist erzieherisch, die Begegnung mit einer wirklichen See. Zum ersten Mal sechs Meter sehen relativiert jede Viermeterwelle. Acht Meter relativieren sechs. Und irgendwann sagt mir der Raini Bröthaler, dass er beim jüngsten Frontdurchgang letzte Nacht eine Viertelstunde lang einen satten Zehner erlebt hat: Durchgehend weißes Wasser im Mondschein und rechne Dir die Welle aus. Mother Ocean nimmt´s, solange man sie downwind hält, wie ein geduldiger Esel, schwimmt wie ein Korken und fährt wie eine Diesellok. Nur bitte, bitte, nicht nochmal querschlagen   - und nie wieder ein Wasserhindernis aufs Vor- und Achterdeck. Verspreche ich mir. Und halte ich wohl auch, denn vergessen werde ich diese Bilder nie mehr.

“Moonshine Sailing
Beautiful footage of Wharram ghosting along in light night breeze – sadly no sounddtrack: Pink Floyd would be c.o.o.l.”

Ich liege seit Stunden auf der Seite wie ein alter Römer beim Gelage, nur dass es weder Wein gibt noch in Honig gebratene Schweinskaldaunen. Mein Blick rotiert im Zehnsekundentakt zwischen dem Vorliek des Yankees, dem Kompass und dem Speed to Target auf dem grünlich leuchtenden GPS-Display: 2,8… – 3,1… -2,4… Rundherum glitzert der Atlantik im Mondlicht, und hätten wir´s net so scheisseilig, es wäre unbeschreiblich schön. Aber der Andi und der Werner müssen ihre Flüge erwischen und vor zwei Tagen sind wir leider mit voller Fahrt in das sich derzeit unaufhörlich ausbreitende Azorenhoch gelaufen. Seither kreuzen wir gegen flaue Ostwinde. Etmale um 70 Meilen werden wie Siege gefeiert und es könnt schlimmer sein, es könnte schneien. Naja. Die Anderen schlafen, ich quetsche jede Kabellänge aus dem Schiff und fühle mich nervöser als in der schlimmsten Sturmnacht. Auf vereinzelten Wolken im Osten spiegelt sich ein gelblicher Lichtschein. Das ist Flores, die westlichste Azoreninsel. Sind wir morgen dort? Übermorgen? Irgendwann lösen mich der Werner und der Bröthi ab und als ich aufwache, haben wir Flores schon passiert. Sie bewegt sich doch…



2010 22 Jun

Tortola-Bermuda: Qual mit Wal

Von: Michael Lynn um 20:01 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare

Glatze. Platte. Öl. Und das drei Tage lang... - aber so sinds halt, die Rossbreiten.

Glatze. Platte. Öl. Und das drei Tage lang... - aber so sinds halt, die Rossbreiten.

Der Wal springt hoch.

Der Wal springt weit.

Warum auch nicht?

Er hat ja Zeit.

Spontan gedichtet beim Anblick einer Walschule eine halbe Meile voraus, irgendwo in der Mitte zwischen Tortola und Bermuda.

Weiters gesichtet: Delfine. Eine Schildkröte. Und geschätzte 500 Portugiesische Galeeren. Kennt keiner? Das sind als Plastiksackerl getarnte Quallen mit einem Giftpotenzial wie eine Grüne Mamba. Eigentlich schön. Leuchten auch bläulich im Dunklen. Aber bei Hautkontakt leider ziemlich tödlich. Schade, aber egal.

Ansonsten war der Trail nach Bermuda eigentlich bissel zermürbend: Mit drei Tagen Verpätung fuhren wir der ARC Europe-Flotte hinterher und das immer hart an einem ziemlich jahrezeituntypischen Nordostwind entlang, der uns weiter und weiter von der Kurslinie nach Westen vertrieb. Dass er irgendwann eingeschlafen ist, war fast eine Erleichterung. Wir haben den Carniti dann auch ganz leise angelassen, damit er ja net wieder aufwacht, und sind auf Filzpatschen drei Tage lang Richtung Bermuda gedieselt, bis ein etwas freundlicherer Westsüdwest aufsprang. Warum net gleich, bitte?

Nautisch spannend wurde es dann in der letzten Nacht, denn vor Bermuda setzt ein ziemlich muskulöser Strom Richtung Westen. Net nullkommairgendwas Knoten, Leute – zwei bis drei ganze! Mit einem Auge auf dem GPS und einem Auge auf der Windrichtung sind wir dann Richtung St. George´s balanciert: Fall 10 Grad ab und der Kurs durchs Wasser kippt um 30 Grad, fahr einen Knoten schneller und plötzlich geht es nordwärts… – und das mit einem der größten Schiffsfriedhöfe des Planeten in Lee: Die Riffe rund um Bermuda sind mit rund 500 Wracks gespickt – und das sind nur die bekannten. Naja. Anspruchsvoll war dann auch noch das Anlegen an der Zollpier von St. Georges: In der Town Cut-Passage und in der Lagune dahinter hat es einen satten Sechser geblasen und die Mother zwischen ein paar Dutzend Ankerliegern hindurch ins handtuchgroße Becken hinter der Zollpier zu manövrieren war bissle, sagen wir, adrenalintreibend. Dafür sind die bermudischen Behörden sowas von freundlich, nein wirklich! Und der Rest der Transatlantikcrew war auch schon gestellt, als wir ankamen. Nur die ARC-Flotte – die war leider schon weg. Wir haben sie starten gesehen, als wir in Bermuda einliefen. Auch schade. Aber eigentlich auch egal.


Wer eine schönere Marina kennt, darf sie behalten...

Wer eine schönere Marina kennt, darf sie behalten...

Hab ich gesagt, Tortola ist sauteuer? Isses auch. Aber es wirkt. Nanny Cay ist eine kleine Feriensiedlung plus Hotel plus Marina 10 Fahrminuten von der Hauptstadt und, nebenbei gesagt, die vermutlich schönste Marina des Planeten. Oder kennt irgendwer von Euch eine andere Marina, in der man fünfzig Meter von der Pier über einen blitzsauberen weißen Sandstrand ins türkisgrüne Karibikwasser rennen kann? – Immer vorausgesetzt, man schaffts an der Beachbar vorbei, in der eine dauerfröhliche Karibin muskulöse Cocktails mixt.

Eigentlich waren wir in Nanny Cay mal wieder im Dauerstress, weil Dauerstress gehört irgendwie zum ARC Europe dazu: Formulare ausfüllen, Sicherheitscheck, Skipperbriefing… – ächz! Und parallel dazu haben wir dort, wo es bei der Testfahrt reingespritzt hat, Dichtungen angebracht, und das war, kurz gesagt, bei allen Luken, haben noch diverse Scharniere und Verschlüsse angeschraubt und waren, alles in allem, mal wieder voll beschäftigt. Aber irgendwann, knapp vorm totalen Sonnenstich haben wir das Werkzeug fallen gelassen und sind ins Wasser gesprungen. Und dann haben der Bröthi und ich uns angeschaut und festgestellt, das das das erste Mal war. Wir waren echt vier Monate in der Karibik und kein einziges Mal im Wasser. Bissl gaga, oder? Aber dafür ist die Mother Ocean wieder ein Schiff und morgen geht sie raus auf den langen Trail über den Atlantik.


BVI´s - sauteuer, aber sie wirken.

BVI´s - sauteuer, aber sie wirken.

Aus dem Karibischen Meer wächst ein Zuckerhut – das erste Stück British Virgin Islands, das der Seefahrer am Ende der Passage zu Gesicht bekommen. Ich grinse den Bröthaler an. Der Bröthaler grinst mich an. Und dabei bröckelt das Salz aus unseren Gesichtern. Voll eingesalzen, genau wie unsere Jacken, Schuhe, Haare, Sonnenbrillen – überhaupt alles.

Ist auch kein Wunder. Die letzten 48 Stunden sind wir gefahren wie die Schweine. Nach dem Morgenkaffee haben wir in Rodney abgelegt, sind den Kanal rausgetuckert und haben die Segel aufgezogen.

Eine halbe Stunde später waren wir im freien Passat und haben Gas gegeben. Weil, so hatten wir bei uns gedacht, nach vier Monaten Reparatur und Restaurierung sollte man den Nordatlantik net überqueren, ohne das Schiff einem kleinen Härtetest zu unterziehen, richtig? Richtig. Also haben wir im fünf Beaufort-Passat Segelflächen stehen lassen, die ich normal net tolerieren täte und sind mit bis zu 15 Knoten durch die Wellen getschundert. 320 Meilen sinds Luftlinie von Rodney nach Tortola. Und dann ist da noch die Sache mit der Saba-Bank. Das ist eine ausladende Flachwasser-Zone vor der an sich touristisch mäßig interessanten Insel Saba, und wer sie nicht umfährt, kann sich bei ungünstigen Wetterlagen in einer brechenden See wiederfinden.

Also noch geschätzte 30 Meilen Umweg westlich um die Saba-Bank und dann über die Sombrero-Passage zu den BVI´s und die Sombrero-Passage kann auch was, seegangsmäßig, also wirklich. Am Ende haben wir für die ganz Veranstaltung 49 Stunden gebraucht, was sowas 7,3 Knoten Schnitt bedeutet. – Schnitt, Leute!

Wir haben dann ein Ankerplatzerl nahe der Customs and Immigrations-Station an der Fährpier gefunden, einen, gemessen an anderen karibischen Inseln, eher mühsamen Amtsweg durchlitten und den Michl Weilguny eingesammelt. Er fährt die komplette Route bis Gibraltar mit und hat schon die Insel erkundet, während wir noch unterwegs waren.

Fazit: Sauteuer. Aber das Steak, das wir an diesem Abend hatten, das hat gewirkt. Das Bier übrigens auch. Und morgen Früh, Leute, da verholen wir nach Nanny Cay, denn dort liegt die ARC-Flotte.



“Some people on this island are crazy like batshit.” Das sag nicht ich, das sagt der Adam. Der Adam ist Brite, nicht unbeträchtlich gehbehindert und trotzdem solo über den Atlantik hierher gesegelt. Jetzt stelzt er mit seinem handgeschnitzten Gehstock durch die Marina, ist freundlich zu jedermann, verstreut trockenen Humor und hat in der Regel Recht.

Jim zum Beispiel, Jim ist vermutlich zumindest ein bissl irre.  Ire ist er jedenfalls, das hört man gleich, wenn er den Mund aufmacht. Und ein begnadeter Schnorrer ist er auch: Die ganze Zeit hab ich ihm beim Wasserklauen zugeschaut. Sein Boot lag nämlich draußen im Norden der Bucht bei Pigeon Island, und statt dass er sich einen Wassermacher einbauen lässt, fährt er jeden Tag mit zwei Kanistern im Dinghy hierher in den Boatyard und holt sich bei meinem Wasserhahn seine 50 Liter ab.

Er hinterließ mir bei solchen Gelegenheiten regelmäßig ausgesprochen sachdienliche Hinweise.  Einen freundlichen, kompenten Diskont-Bootselektriker namens Phil etwa, oder einen Käufer für meinen neuerdings überstandigen Reserve-Outboard.  Den Seevogel abgeschossen hat er allerdings mit der ultimaten Gebrauchsanweisung für das Handling von Luxusgütern: „Aye, lad, when it comes to those big-ticket items a man sometimes needs, there´s one ultimate rule…“ –„Yes?“ – “Aye, lad, and it goes like this: If if flies, floats or fucks, rent it!“ Äh, reicht Dein Englisch, lieber Leserkreis, oder muss ich übersetzen?

Bei aller tiefschürfenden Weisheit: Jim hat selber ein Boot. Jim war deshalb  in den letzten 14 Tagen ein bissel nervös, denn Mother Ocean stand genau auf seinem angestammten Stellplatz und am Montag, den 19.4. wollte Jim raus.

„No problem“, sagte ich. Weil Jim ist ein Lieber und eine Hilfreicher und wenn einer so redet wie er und sein Wasser heimlich abzapft, wird man ihm als Seekamerad für sein ärmliches, aber sauberes Schinakl einen schönen Stellplatz mit Blick aufs Wasser gönnen, mir san ja net so, gell?

Ausserdem sind wir eh unter Zeitdruck, und uns und dem ARC Europe und unseren Mitseglern zuliebe haben der Bröthaler und ich seit Ostern wieder einmal anzahrt wie die Waglhunde: Zwei Fenster getauscht, vier Luken neu gebaut, zwei davon samt Rahmen, Cockpit samt neuer Steueranlage finalisiert, literweise Lack vebraucht, und am Wochenende hat ein Rasta das Unterwasserschiff gemalt, während wir erst acht Beam-Laschings neu gebunden, dann das Deck geräumt und am Schluss die Baustelle aufgelöst haben.

Wahrscheinlich sind hoch dotierte Wetten gegen uns gelaufen, denn am Montagmorgen hatten ein paar Rastas noch größere Augen als normal: Mother Ocean war um 0830h fertig zum Einkranen, setzte pünktlich um 0845h auf dem Wasser auf und liegt jetzt bequem längsseits an der Tankstellenpier, wo wir noch eine Woche lang tunen, nachlackierten, Deckshardware aufschrauben und verproviantieren.

Und während ich dies in den ersten ruhigen Minuten seit meiner Rückkehr  nach Rodney schreibe, ist hinter meinem Rücken ein 75 Tonnen-Torkran am Verröcheln. Denn kaum waren wir aus dem Kranbecken, dampfte Jim herein – und hat sich was mit dem ärmlichen, aber sauberen Schinakl, das wir ihm irrtümlich zugeschrieben haben: Jims Motoryacht ist an die 50 Füße lang, hat einen zweistöckigen Aufbau und auch ansonsten ist alles drum und dran. Jedenfalls hatte der Kran seine liebe Mühe mit dem Teil und jetzt setzt ers grad ab.

Wie war das, Jim? If it flies, floats or f***s, rent it?  Bissl Ire, wie? Salzwasser predigen und Barbados Rum trinken?Aber trotzdem: Ein guter Mann…

P.S.: Es gabert noch sooo viel mehr zu erzählen, vor allem von der unglaublichen Reise eines antiken Aussenborders von Schwechat nach Rodney Bay. Aber bitte um Verständnis, liebe Leute – ich war die letzten Wochen nach Arbeitsschluss ein bissl unterpowert. Genauer gesagt: Zweimal bin ich am Morgen aufgewacht und hatte die Finger noch auf der Laptop-Tastatur. Aber ich denke, ejtzt geht’s wieder und am nächsten Weekend folgt die Carnitti-Story. Seglerehrenwort!



Bitte, ich hab jetzt total über die Schnur gehaut, und es tut mit net amal leid. Es begann nach Sonnenuntergang. Da bin ich, wie jeden Abend, nach getaner Arbeit vom Boatyard rüber in die Rodney Bay Marina gewackelt und hab mich wie fast jeden Abend an der Bar vom Cafe Ole angeklemmt und ein Bier bestellt. Braucht man, wenn man in der Früh die Bootselektrik sortiert, am Vormittag sämtlichen frisch eingetroffenen West Epoxi 406er-Füller aus der Island Water World Chandlery requiriert, über Mittag eine Steuerseilrolle gebaut und den Nachmittag über Rumpf geschliffen hat, mit Staubmaske und Schutzbrille in der prallen Sonne.

Aber kaum war das Bier ausgetrunken, bin ich Hals über Kopf  geflüchtet.  Weil es war nämlich Schokoschnittenabend.

Eine Schokoschnitte müssts  Ihr Euch so vorstellen, liebe LeserInnen: Ein Seelenleben wie eine Schwerkraftfalle, transportiert durch ein Mundwerk wie ein Elektrohobel, umhüllt  von einer Figur wie ein schwarzmetallicfarbener Lamborghini, notdürftig straßentauglich karossiert mit einem zwei Nummern zu kleinen kreischfarbenen Bikini, und bewacht von einer fürs Lebendgewicht etwas untergroßen Puffmutter.

Die Puffmutter mit zwei ausgesuchten Schokoschnitten im Schlepptau war also heut Abend an der Cafe Ole Bar anwesend und ihre Schnitten haben etwas, sagen wir mal, aggressive Werbung fürs Etablissement gemacht. Männerschnitten sozusagen. Und bevor sie engeren Kontakt mit mir gesucht haben, bin ich ins Bosun´s geflüchtet. Das Bosun´s ist eine Bar mit Restaurant und begabtem thailändischen Koch, zwanzig Schritte vom Cafe Ole im Oberstock, und wenn ich mich verwöhnen will, geh ich dorthin und kauf mir ein Curry, weil das können sie.

Und ich wollt mich verwöhnen, weil, wie der legendäre Muskrat (der mitm Kazoo, google him!) damals in Woodstock so inhaltlich korrekt ins Mikro geschrien hat: „There´s always a litle bit of heaven in a desaster area, man!“ Und Katastrophengebiet ist St. Lucia zur Zeit. Aber sowas von. Die Insel ist von Banenenindustrie und Tourismus wassermäßig völlig leergesaugt und taumelt als Trockenzombie durch den Saisonrest. Heute Früh wurde im Radio durchgegeben, dass die Wasserwerke der Insel mit Sonnenuntergang endgültig die Arbeit einstellen, weil das einzige Wasserreservior der Insel endgültig leer ist. Und aus, Maus.

Es war nämlich diese Saison eine ziemlich regenlose Regenzeit in der Karibik. Kaum Hurrikans, die ihren Namen verdienten. Total wenig tropische Depressionen. Und generell viel zu viel schönes Wetter in den Monaten, in denen es wenigsten dreimal am Tag und am besten den ganzen Tag lang regnen sollte. Halt ein typisches El Nino-Jahr, war eh lang nimmer. Aber jetzt isses so weit. Und entsprechend mies steht St. Lucia jetzt, am Anfang der Trockenzeit, da. Mir ist es einerseits Recht, weil die vielen regenlosen Tage das Arbeiten mit Epoxi und Glas ziemlich beschleunigen.

Andererseits: Heut hab ich den ganzen Tag lang Glasfaser geschliffen , und die kleinen Spießchen stecken im Rücken und im Hals und auf der Brust und entlang der Gürtelline und es JUUUUUCKT! Wahnsinn! Und jetzt hätt ich total gern eine zirka eineinhalbstündige Dusche, aber nix is. Als matten Ersatz schleppe ich meinen vorletzten Vorrats-Wassereimer zum Sanitärcontainer, wasche mich aus dem Kübel, hebe den dreckigen Rest für morgen auf und nach dem Abtrocknen juckts noch immer, und jetzt wird es Zeit für einen mentalen Ausgleich, sonst hau ich den ganzen Mist hin und flieg heim.

Der mentale Ausgleich war dann ein würdiges Sirloin Steak, medium to rare, mit einer leichten Pfeffersoße und zwei Gläsern chilenischem, aber trotzdem passablem Cabernet als Begleitung.

Seltsam und denkwürdig: Kaum betritt eine tote Kuh meinen Verdauungstrakt, überwältigt mich kosmische, universelle Liebe. Zu allem und jedem. Ich umarme sie alle. Die Glasspieße in meinem Rücken, die zerbröckelnde Hornhaut an meinen Fußsohlen, die praktisch unzerstörbare schwarzgraue Epoxidharz-Schleifstaub-Dreckmischung unter und auf meinen Fingernägeln, diese, bei Lukullus!, nicht umsonst verblichene Kuh in meinem Magen, die vergorenen Trauben, die mir langsam zu Kopf steigen,  die zuckersüße Kellnerin mit dem Breitspurarsch – und sogar die professionellen  Schokoschnitten, weil schließlich haben sie mich hierher vertrieben.

Naja. Muss wohl der Wein sein, normal bin ich gar net so rührselig.

Ich zahle umgerechnet 20 Euro, steige auf mein schlechtes Gewissen drauf und drehe die Ferse um, bis es sich nicht mehr rührt, und wackle in einem leichten Kreuzkurs heim zu meinem Boot. Es steht endlich wieder im Flutlicht, weil das war eine Woche lang aus. Aber jetzt kann ich endlich wieder nach Sonnenuntergang Glasmatte verlegen und das ist gut, weil im hellen Sonnenschein ist das Epoxi zu schnell für solche Sachen.

Und unterm Boot wartet Sheba, die Ex-Schwester. Weil Charlene, Langhaarkatze Nummer 2, ist seit einer Woche abgängig. Entweder hat sie sich unter ein Auto gehaut – oder sie hat einen Rasta-Kater getroffen und ihr Herz verloren. Jedenfalls: Sheba ist jetzt allein und irritiert. Und ich klemm sie untern Arm, trage sie die Leiter rauf an Bord, und während ich diesen Blog schreibe, sitzt sie neben mir und schickt Euch allen ein karibisches „Schnurr!“

Mother Ocean schickt Euch auch ein “schnurr!”, weil ihr geht’s immer besser. Sie hat jetzt wieder ein komplettes Deck, ab morgen eine komplett funktionierende Elektrik und ab kommenden Sonntag rundum gesunde Beamtröge. Mag net irgendwer auf Ostertörn kommen? Weil eine Abschiedstournee zu meinen Lieblingsplätzen wär schon standesgemäß, aber die fahr ich nur, wenn wer chartert. Was ist mit Dir? Tobago Cays? Das Frangipani in Bequia? Die Wallilabou in Vincent? Boiling Lake und Indian River in Dominica? Hmmm? Mail michael.lynn@chello.at – MAIL JETZ T AN!

Übrigens: Eigetlich hätt ich jetzt gern paar Fotos angehängt. aber 200 kb maximal?


Mother Ocean im Advent 09: Ausbanlt!

Mother Ocean im Advent 09: Ausbanlt!

Mother Ocean um die Jahreswende: Gerippt...

Mother Ocean um die Jahreswende: Gerippt...

Mother Ocean im Jänner: Durchlüftet...

Mother Ocean im Jänner: Durchlüftet...

Der Bröthaler in der Arbeitspause: Waglhund mit Piton-Bier.

Der Bröthaler in der Arbeitspause: Waglhund mit Piton-Bier.

Mother Ocean gegen Ende Jänner: Wieder ein Boot!

Mother Ocean gegen Ende Jänner: Wieder ein Boot!

Panik vorm Torschluss: Eine BEamrestaurierung in 24 Stunden...

Panik vorm Torschluss: Eine BEamrestaurierung in 24 Stunden...

Das geht net allein: Zusammenbau, bevor der Bröthi heimfliegt.

Das geht net allein: Zusammenbau, bevor der Bröthi heimfliegt.

Unter diesem Vollmond könnte man Zeitung lesen. Ich  sitze ich auf meiner Werkzeugkiste und kraule Charlenes virbrierenden Bauch. Ihre Schwester sitzt drei Meter weiter auf dem Boden und macht Zickenterror.

Nein, das wird kein Karibikporno, geschätzte Leserin, verehrter Leser:

Charlene und Sheba sind die offiziellen Boatyard-Katzen von Rodney Bay. Sie gehören der theoretischen Chefin der theoretischen Boatyard-Bar. Theoretisch, weil die Bar zwar schon steht, aber die Chefin und das Boatyard-Management seit Monaten über die finanziellen Rahmenbedingungen verhandeln. Das ist lästig für mich, weil mir das Abendbier jedesmal einen halben Kilometer Fußmarsch abverlangt. Und lästig für Charlene und Sheba, die sich im Boatyard mopsen und jeden Abend maunzend zu mir kommen, um sich ihre Krauleinheiten abzuholen.

Ich kraule Shebas vibrierenden Bauch und zünde mir mit Riannas Feuerzeug eine Zigarette an. Rianna ist keine Langhaarkatze. Oder eigentlich irgendwie doch. Und blond! Aber sowas von! Heute Abend beim Sundowner setzte sie sich neben mich, grinste mich an und nahm mir den Aschenbecher weg. Das mit dem Grinsen wär schon in Ordnung gewesen, aber den Aschenbecher hätt ich doch gern… – naja.

Ich mache eine halbe Stunde Smalltalk kurz: Rianna ist seit sieben Monaten als Köchin auf einer kleinen Charteryacht unterwegs, erzählt sie. Wie klein, frage ich. 68 Fuß, sagt sie. Ah.. ja. In der Tat. Wir reden ein bisserl über das Leben als Charterknecht und wie unfair es ist, dass ihr der Käptn immer die Zigaretten wegraucht.

Dann springt sie plötzlich vom Barhocker, sagt etwas atemlos „Just a moment!“ und eilt im Laufschritt davon. Ihren Tequila Sunrise und ihr Feuerzeug lässt sie da. Als sie zwei Bier später noch immer nicht zurück ist, denke ich  kurz nach, ob ich was Falsches gesagt habe. Ich mein, verwunderlich wärs nicht.

Weil seit zwei Monaten bin ich von Beruf Holzwurm und vom Erscheinungsbild her Epoxid-Model:  Das da in meinem ergrauten Haar sind keine Rastazopferln , das sind Spuren von Kontakt mit frisch eingelassenen Bordwänden und Stringern.

Es ist nämlich so: Der Bröthaler und ich haben anzaht wie die Wagelhund. Eine Woche, nachdem die Mother Ocean an Land abgesetzt war, stand im Schatten zwischen den Rümpfen eine kleine, feine Werkstätte, komplett mit selbst gezimmertem Arbeitstisch. Knapp vor Weihnachten war der hinterste Beam samt den Stehern für die Solaranlage demontiert und alles, was im Backbordhack rott war, rausoperiert, und bitte, das heisst alles bis auf den Steven und die äußere Bordwand.

Drei Wochen später war alles wieder neu und drinnen – 48 Teile hab ich gezählt von den Stringern über die Buttblocks bis zu den Bordwänden. Dann wars Zeit für den Bröthaler, heimzufliegen und in der letzten Woche seines Hierseins haben wir nimmer viel geredet, weil alles ein bisserl atemlos wurde: Einen Beam einsetzen und eine Solaranlage montieren geht nämlich echt nur zu zweit.

Am Panikpunkt waren wir Montag, als wir draufkamen, dass der hintere Beam auch eine großflächige Amputation braucht: Ein Drittel der Substanz flog raus, weil mürbe, und war binnen 24 Stunden durch frisches Holz ersetzt, zurecht geschliffen, eingelassen und am Mittwoch haben wir den Beam eingebaut und die Solaranlage aufgesetzt. Donnerstag hab ich den Bröthaler dann in den Flieger gepackt und jetzt sitzt er daheim, friert sich den Hintern ab und bereitet die Bootsmesse in Tulln vor.

Und ich – ich mach allein weiter und abgesehen von den vielen Neugierigen, die jeden Tag vor dem Boot stehen und mehr oder weniger sachgerechte Fragen stellen, und abgesehen von den Marinahacklern, die gelegentlich zu mir kommen, um sich Werkzeug auszuborgen, und abgesehen vom Boatyard-Boss, der mir immer öfter unverhohlene Avancen macht, doch meine Existenz nach St. Lucia zu verlegen und der Boatyard-Tischler zu werden, hab ich wenig Ansprache. Außer halt Charlene und Sheba.

Könnt also sein, dass ich schon langsam ein bissl kommunikationsschwach werde. Oder vielleicht angefangen habe,  zu sagen, was ich mir wirklich denke – und das, ohne es zu merken.

Rianna kam jedenfalls nicht mehr zurück, und das macht eigentlich überhaupt nix. Ich hätt eh nix Konkretes von ihr wollen. Im Gegenteil, ihr plötzlicher Aufbruch war bereichernd. Weil erstens hab ich meinen Aschenbecher jetzt wieder für mich. Und zweitens – ihr Feuerzeug hab ich eingesteckt.

Nachsatz: Diesen Wandbrief hab ich gestern Nacht dann nicht mehr abgeschickt, und gut wars, weil heute Früh sah ich Rianna wieder, auf dem Vorplatz der Marina. In hautengem Kontakt mit dem offensichtlichen Grund ihres gestrigen plötzlichen Aufbruches: Geschätzte 25, Unterhosenmodelfigur, rabenschwarze Haut, wilde Rastalocken, und eine klodeckelgroße Hand auf Riannas Hintern. Sie hat, was sie braucht. Ich auch. Ihr Feuerzeug. Meines war grade am Eingehen.

Das Leben ist O.K., schätze ich. Nur das Epoxi in den Haaren, das macht mich echt narrisch.



Wenn man über Wochen auf einem umzäunten Bootsstellplatz vor sich holzwurmt, ist der Lagerkoller nur eine Frage der Zeit. Uns erwischte es zu Sylvester. Den 31. hatten wir noch in Ehren rübergebogen, geparkt in einer kleinen, ausschließlich von Einheimischen frequentierten Bar, die über ein Dinghydock in der Einfahrt von Rodney Bay erreichbar ist. Feuerwerk, Rum Punch mit mächtigem Bizepts, jeder zweite Drink gratis – so lässt sichs doch eigentlich aushalten, oder?

Aber am 1. Jänner waren alle Rolladen in Rodney herunten, die Gehsteige waren hochgeklappt, in der Marina sagten sich die Füchse gute Nacht, und am Boatyard waren der Raini und ich die einzigen lebenden Wesen, wenn man mal von den drei rachitischen Inventarhunden absieht.

Es war der Reini, der mich dann sanft, aber nachdrücklich aus dem Tor geschubst hat. Weil ich hätte resigniert. Aber er hat sich glatt eingebildet, irgendwo muss irgendwas offen sein, ganz felsenfest sicher.  Und falls wer glaubt, genau so war es auch… – naja, genau so war es auch.

Vorm Boatyard trafen wir einen Kauz, und er nahm uns unter die Fittiche, und als wir uns bekannt machten, sagte er, sein Name sei Artiste.

Artiste ist vermutlich geborener Franzose, sprich holprig Englisch, fließend Creole, ganz gut Spanisch, bissl Italienisch und offenbar noch ein paar Sprachen aus Gegenden, die  Du und ich nur vom Hörensagen kennen.  Nach eigenen Angaben ist er 71. Ausschauen tut er wie fünfzig Plus und in einer milde einsturzgefährdeten Eingeborenenhütte in Gros Islet schreibt er an seinen Memoiren.

Artiste führt uns zum freitäglichen Straßenfest von Gros Islet und wir sind gerettet: Auf der zentralen Straßenkreuzung des Dorfes röhrt progressiver Reggae aus mannshohen Lautsprechern, runherum brutzeln frisch verstorbene Nutztiere auf selbst geschweißten Holzkohlengrillern, und ganz gleich ob nachtschwarz oder kasweiß – hier und heute Abend sind alle Menschen Brüder.

Artiste lebt seit 20 Jahren hier im Dorf, sagt er. Und er erzählt uns, wie es kam, dass knapp 100 Schritte vom fashionablen Rodney Bay ein karibisches Dorf in einer Zeitkapsel überlebt hat: Gegründet wurde die Ansiedlung zur napoleonischen Zeit, nämlich als die kreolische Franzosenkaiserin Josephine beschloss, die in ihrer Heimat Martinique von den Jakobinern abgeschaffte Sklaverei wieder einzuführen. Damals schwappte eine veritable Flüchtlingswelle über die St. Lucia-Strasse, und die Exilanten aus Martinique ließen sich am Rand der Rodney Bay nieder, bauten Holzhütten, nannten das Dorf Gros Islet und lebten fortan frei und in Frieden in St. Lucia.

Dann kamen die Yachten und die Investoren und die Marina in Rodney Bay – und für Gros Islet war das keine gute Nachricht: Die Brücke, die das Dorf mit dem Rest von St. Lucia verband, wurde abgerissen. Die ersatzweise angelegte neue Straße machte einen Bogen um Gros Islet – und das Dorf verkam zum Ghetto, explodierenden Drogenkonsum und ausufernde Kriminalität inklusive. Und für den Abriss der mittlerweile 150 Jahre alten Hütten und einen schmucken Neubau in zeitgemäßem, gesichtslosem Beton hatte einfach niemand das Geld.

Und so kam es, dass Gros Islet, in den letzten Jahren von einem klugen und tatkräftigen Bürgermeister durch Initiativen wie das freitägliche Straßenfest sozial saniert, über weite Strecken noch heute aussieht wie die Karibik, die wir aus alten Filmen kennen.

So erzählt Artiste und vergisst nicht, zu sagen, dass Gros Islet gefährlich ist: „It is dangerous, my friend: You go there, you fall in love with it, and you stay and you never go back. Verrry dangerous!”

Überm dritten Bier erzählt Artiste dann, was er getrieben hat, bevor er in Gros Islet sesshaft wurde: Vom Horror des Algerienkrieges, den er als blutjunger Bursch mitgemacht hat, von Arabien, Guatemala, Kanada, wo seine Kinder leben… – „It was simple: I went to all the places where no one would go, did all the jobs nobody wanted, and met the most wonderful people everywhere in the world.”

Es war der unterhaltsamste Abend, seit wir hier angekommen sind. Und wenn Artiste seine Memoiren herausbringt, dürften sie Pflichtlektüre sein. Merci, Artiste! Its good to know  you!


Früh am Morgen, beim ersten Kaffe, ging die Mother in Rodney an Land...

Früh am Morgen, beim ersten Kaffee, ging die Mother in Rodney an Land...

...und dann ging ich ihr an die Eingeweide: Keine Dinghygarage, nein...

...und dann ging ich ihr an die Eingeweide: Keine Dinghygarage, nein...

...eine megafette Baustelle vielmehr. Den ganzen Tag gibts Weihnachtssägen...

...eine megafette Baustelle vielmehr. Den ganzen Tag gibts Weihnachtssägen...

...und Abends, nach ein paar Bier, schreibe ich Wandbriefe - und was sonst noch anliegt.

...und Abends, nach ein paar Bier, schreibe ich Wandbriefe - und was sonst noch anliegt.

Gestern Nacht kam eine Katze aus meinem Rumpf gehüpft.

Ja, eine richtige, lebendige Katze. Ehrenwort.

Nein, ich bin stocknüchtern. Und Sonnenstich hab ich auch keinen. Und soooo durchgeknallt bin ich auch nicht. Die Katze war wirklich da, Pfadfinderehrenwort.

Ich kam grad vom Sanitärcontainer, Mitternacht wars wohl, denkend an dies und das, und grad als ich unterm Flutlichtmast die Leiter aufs Boot erklimmen wollte – husch! – sprang sie aus dem Rumpf. Durchs Loch. Ja, dieses: Das Loch, über das ich mindestens einmal am Tag einen debilen Witz zu hören kriege. Zum Beispiel, ob wir eine Dinghygarage bauen, fragte ein fürs Lebendgewicht untergoßer amerikanischer Skipper, hardeharharr!

Dighygarage! Hat sich was! Ich arbeite das Erbe von Rob, dem durchgeknallten Bootstischler, auf. Er hat mir unter Anleitung seines imaginären Sechsmeterhasen ein paar Wasserfallen ins Backbordheck laminiert. Jetzt schneide ich sie seufzend auf, lasse das stinkende, faulige Wasser raus rinnen.  Und säge rundherum das stinkende, rotte Holz raus. Es ist ein echtes Weihnachtssägen, wirklich wahr!

Synchron dazu schießen der Bröthi und ich kreuz und quer über die Insel, auf der Suche nach dem Material, das wir dann demnächst wieder reintun werden: Bootsbausperrholz, Stringerholz, Matte, Harz… – gibt’s nicht in der Karibik? Doch, doch, gibt´s. Man muss nur die richtigen Leute fragen und den richtigen Text reden.

Fünf Platten erstklassiges Bootsbausperrholz hatte ich mir schon gesichert, als die Mother  noch halbert im Kran hing. Die Island Water World-Filiale in der Rodney Marina hatte sie lagernd. Ich zahlte auf der Stelle und verließ den Laden mit der Anweisung, die Platten mit Stacheldraht, Landminen und Laseralarm zu sichern, bis ich sie holen komme.

Stringerholz war nicht ganz so einfach, aber der Boss von Island Water World hatte dann irgendwann ein Erbarmen, klemmte sich ans Telefon und klingelte die ganze Insel durch, bis er eine Adresse hatte. Die Adresse entpuppte sich als Schuppen in den Hügeln über der Hauptstadt, randvoll mit jeder Art von Tropenholz, die Gott verboten hat, und einem Rasta, der mich ins Herz schloss und Witzbeträge für eine Pickupladung Holz verrechnete.

Dann bauten wir uns aus Staffeln und Billigsperrholz vom örtlichen Baumarkt unterm Kat einen Arbeitstisch im Schatten und eröffneten unser privates Kleinsägewerk: Während ich den Rumpf ausschachtete, schnittt der Bröthi im Akkord 2×5 cm-Leisten für neue Stringer. Und jetzt ist Feierabend. Am 2. Weihnachtsfeiertag. Irgendwo spielt eine Reggaeband. Der Passat weht übers Deck. Und durchs Loch im Backbordheck. Unterm Boot liegen 30 Meter Stringer. Und morgen fangen wir mit dem Einbau an.

Und davon wird dann der nächste Blog handeln. Und bevors zu spät ist, attache ich hier noch ein paar Baustellenbilder. Damit net irgendwer glaubt, wir sind hier auf Urlaub, gell?