2011 27 Mrz
Frühlingsbote mit weißen Segeln
Von: fortgeblasen um 21:56 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Ein Kommentar
Der steife Wind hält die ganze kleine Inselwelt fest in seinem Griff, doch die Kraft der Sonne nimmt täglich weiter zu und nimmt mit ihren warmen Strahlen selbst den Westwind seine Kälte.
Wir wandern über die sanfte Landschaft von Samsoe und sind beinahe erstaunt darüber, unwahrscheinlich schnell der Frühling die Herrschaft übernommen hat. Unter dem dürren Gestrüpp der Wildrosen blühen die ersten Frühlingsboten und schmücken das Land mit ihrer bunten Pracht. Frische grüne Triebe zeigen sich zwischen den braunen Grasflächen und die kräftigen Sonnenstrahlen wärmen die Haut. Die Insel selbst zeigt sich ruhig und einsam. Noch sind keine Sommergäste unterwegs, die kleinen Ferienhäuschen stehen leer und die Buchten sind verlassen. Nur Fähren und Frachter sind am Horizont auszumachen, die vielen kleinen weißen Dreiecke, die im Sommer den Horizont verzieren, sind noch nirgends zu entdecken. Die Häfen sind noch leer, die vielen Boote stehen hoch und trocken an Land und warten darauf, das ihre Eigner endlich wieder die neue Saison begrüßen. Hie und da entdecken wir schon fleißiges Treiben, frische Unterwasserfarbe wird aufgepinselt und neue Persenninge werden angepasst. Jeder freut sich schon, bald wieder ins Wasser zu kommen und den Sommer zu genießen, doch gesegelt wird noch nicht.
Schade eigentlich, erleben wir doch so wunderschöne Segeltage hier im dänischen Frühling, seit wir unsere Reise aus dem Winterquartier in Flensburg starten. Nach zwei Tagen steifen Nordwind in der Flensburger Förde meint es das Wetter endlich gut mit uns, der trübe Himmel reist auf und ein sanfter Westwind bläst auch den letzten Wolkenschleier außer Sicht. Unter strahlend blauen Himmel segeln wir gemütlich und mit Leichtwindsegel durch den Alsfjord, laufen als erste Yacht in der hübschen Bucht von Dyvig ein und spazieren über das Land, während La Belle Epoque einsam in der großen Ankerbucht schaukelt. Beim Picknick am Ufer müssen wir uns eingestehen, das wir das „Land des Biers“ wieder hinter uns gelassen haben, die Dänen können zwar sicherlich viel, doch die Braukunst ist nun mal eine deutsche Kunst… Doch egal, der warme Schwarztee aus der Thermoskanne ist zur Zeit ohnehin der Renner an Bord.
Obwohl wir die hügelige Landschaft um Dyvig genießen, treibt es uns bald weiter. Das Wetter ist zu herrlich und wir wollen raus aufs Wasser. Wieder schiebt der achterliche Südwestwind La Belle Epoque mit rauscher Fahrt vor sich her, die Sonne ist bereits so stark, dass wir unsere Dieselofen abstellen können und unsere warmen Overalls getrost verstauen können. Ach wie herrlich, endlich wieder die Luken öffnen zu können, um die frische Briese durchs Schiff blasen zu lassen. Unser neu installierte Selbststeueranlage übernimmt die Arbeit des Rudergängers und wir tanzen im Frühlingsrausch an Deck herum.
Durch den Aaroe Sund übernehme ich wieder, stelle die Selbststeueranlage ab und mache es mir im Steuerhaus bequem. La Belle rauscht durchs Wasser, doch das GPS zeigt nur 3 Knoten Fahrt über Grund. Starke Strömung setzt am südlichen Eingang des Sundes gegen uns und hinterlässt mir ein Gefühl am Rad, als ob das Steuer jemand anderer übernommen hätte. Spaziergänger am Ufer des Sunds bleiben stehen und betrachten unser grünes Segelboot, wie sie mit voller Besegelung durch den Sund pflügt. Ja, jetzt wissen auch sie, dass der Frühling unaufhaltsam kommt, mit unseren geblähten weißen Segeln fühlen wir uns wie erste Frühlingsboten.
So schnell die Strömung gegen uns gekommen war, löst sie sich auch wieder ins Nichts auf und schon sausen wir mit 8 Knoten Fahrt durchs Wasser. Den geplanten Ankerstop auf Baagoe streichen wir, zu schön ist es hier draußen im Kleinen Belt, um schon für den restlichen Tag vor Anker zu liegen.
Wenige Stunden später erreichen wir die kleine Insel Fenoe, in deren Windschatten wir ankern. Für den Abend feuern wir doch noch einmal unseren Dieselofen an und genießen die Wärme in der Kajüte.
Obwohl das alte Küstenhandbuch Middelfart als nicht besonders sehenswert beschreibt, begeben wir uns auf die nasse Dingifahrt über den Faenoe-Sund und machen einen Landausflug. Und siehe da, Middelfart entpuppt sich als hübsche Hafenstadt, mit viel Geschmack wurden die Löcher zwischen den alten Häusern mit modernen Bauten gefüllt die Stadt vermittelt einen Flair von Urlaub und Sommer. Cafes und Parkanlagen säumen die Wasserfront und die kleinen Läden zeigen schon ihre Frühlingskollektionen.
Schon ist unser Anker wieder gelichtet, langsam segeln wir unter den beiden Brücken von Middelfahrt durch in den Norden. Der Wind frischt auf und wir wechseln die Leichtwindgenua gegen die schwere Genua. Ohne Besansegel legt sich La Belle Epoque mit bis zu sieben Knoten Fahrt ins Zeug. „Hm, könnten wir es vielleicht sogar heute noch bis Samsoe schaffen?“ Überlege ich laut und schon gesteht Jürgen, dass auch er keine Lust mehr hat, schon in Aebeloe halt zu machen.
Gesagt, getan, kurz nach 5 Uhr Abends fällt der Anker vor Ballen, Samsoe, doch nach einer unruhigen Nacht am rolligen Ankerplatz verlegen wir uns in die beliebte Bucht von Langoer, weiter nördlich auf Samsoe. Ein Platz, der zum Verweilen einlädt. Und einige Tage verweilen wollen wir auch, denn die Wetterdaten über Funk zeigen noch ein paar Tage stärkere Winde aus Nord und Nordwest, bis wieder konstanter Südwest einsetzt, den wir für unsere Überfahrt über das Kattegat nach Westschweden nutzen werden. Und so stecken wir die Füße in den weißen Sandstrand und warten, während La Belle Epoque an ihren beiden Ankern zieht.
2010 21 Sep
Inselträume und Großstadtgeflüster
Von: fortgeblasen um 0:08 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Ein Kommentar
| Wir wandern über die grünen Felshänge und bestaunen die vielen kleinen Buchten. Bald schon verlassen wir den Kieselweg durch das Naturschutzgebiet der Insel, der spitze Granitbruch schmerzt unter unseren barfüßigen Fußsolen, der Marsch über die wuchtigen Steinformationen ist ohnehin interessanter. Die Bäuche voll wilder Heidelbeeren hüpfen wir von Stein zu Stein – und vermiesen einer Schlange ihr Mittagsmahl: geschockt durch unser Erscheinen lässt sie kurz von dem Frosch ab, der schon halb in ihrem Maul steckte. Benommen, aber frei, verschwindet der im nächsten Tümpel. Na ja, des Einen Glück, des Anderen Leid! | |
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Nur noch kurze Segelschläge liegen vor uns, denn Ankerbuchten gibt es wie am laufenden Band. Klar, wir wollen unsere neu erworbenen Schärennägel ausprobieren. Schärennägel? Tja, die Granitwände der Inseln sind teilweise so steil, dass tiefes Wasser bis ans Land heranreicht. Anstelle dem Anker kann man – indem man diese Eisenteile in Felsspalten schlägt – einfach direkt am Fels festmachen. Klar, dass muss versucht werden, wenn man schon mal in Schweden ist. Nach wenigen Stunden Segeln ist auch schon ein Prachtexemplar an Granitfels gefunden und vorsichtig tuckere ich Bug voran auf das graue Ungetüm zu. Jürgen steht am Bugsprit und hält Ausschau – dieses mal jedoch nicht nach vorne, sondern nach unten! Das Handlot bereit gibt er Anweisungen zurück. |
Schon springt er von Bord, schlägt den Nagel in den Fels und verzurrt La Belle Epoque, während ich den – vorab geworfenen – Heckanker dicht hole. Am warmen Fels sitzend überblicken wir die Bucht, ist schon eigenwillig, mit unserem tiefen Kiel direkt an Land fahren zu können! Gut, dass ich daran gedacht habe, die Moskitonetze rauszuholen, so direkt am Land können wir die kleinen Biester abends über unserer Luke hören, während wir ruhig einschlafen. Doch auch wenn wir sie Nachts hören können, sind wir doch sehr positiv überrascht, dass sie sich tagsüber nicht sehen lassen, selbst wenn wir verschwitzt im Wald spazieren.

Der Wind bläst uns böig ins Gesicht und bei wolkenverhangenem Himmel motoren wir zur Halbinsel von Dalarö, wo wir ein paar frische Lebensmittel einkaufen wollen. Unterwegs können wir erneut einen Seenotfall beobachten, gemeinsam mit dem SAR Booten versucht die Crew eines Segelbootes gerade, ihren gebrochenen Mast an Deck zu heben, während wir, warm und gemütlich im Steuerhaus sitzend, an ihnen vorbei tuckern.

Nach faulen Regentage in Dalarö segeln wir gemütlich und langsam Richtung Stockholm. Den Sommer haben wir – wies scheint – schon lange hinter uns gelassen, 20 Grad Celsius, Wolkendecke und stellenweise Regen ist an der Tagesordnung, die Ostsee ist so kalt, dass eine Bilgenkammer als Kühlfach Verwendung findet und wir nur, so kurz als nötig, zum Waschen hinein springen.
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Der Segeltag bis Stockholm entpupt sich als tolle Strecke, nach interessanten und aufmerksamen Segeln durch die Schärenwelt, motoren wir durch den engen Kanal von Baggens-Stäket und drehen eine Runde vor der imposanten Wasserfront von Stockholm. Nur kurz machen wir im Vasa-Yachthafen fest, nein, den Preis von umgerechnet 55 Euro für die Nacht im unruhigem Hafen – Strom und Duschen exklusiv, natürlich – werden wir auf keine Fall bezahlen. Und schon fällt der Anker in der netten Bucht neben dem Navishafen, Sogar einen kleinen Anleger für unser Dingi finden wir, jetzt haben wir genügend Zeit, uns Stockholm anzusehen. |
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Sympathisch wirkt die Stadt der Inseln, die vielen Fähren zischen zwischen ihnen hin und hier und an den Wasserfronten herrscht buntes treiben. Der riesige Park in Djurgardan liegt hinter unserem Ankerplatz und neben dem Vasa-Museum verlockt ein alter, liebevoll gepflegter Eisbrecher – ISBRYTAREN II zum Bestaunen. Die Besichtigung des Kriegsschiffes daneben lassen wir aus, wir haben heute keine Lust auf Mord und Totschlag! Entlang der Wasserfront schlendern wir vorbei an mehr und weniger gut erhaltenen Traditionsschiffen, die nun als Wohnung genützt werden.

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Gamla Stan, eine eingene Altstadt-Insel, beeindruckt mit seinen engen Gassen und bunten Häusern, alles ist liebevoll gepflegt und sauber. Hier thront auch das mächtige Königsschloss, an dessen Pforten die „Kappalstender“ genauso lächerlich wirken wie in London!
Wie in fast allen europäischen Städten glitzert auch in Stockholm die Fußgängerzone der Neustadt als teure, wertlose Einkaufswelt. Wertlos, weil fast alles, was hier verkauft wird, sofort seinen Wert verliert, sobald es über den Ladentisch gewandert ist. Dennoch macht es Spaß, durch die bunten und lauten Straßen zu schlendern ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben und ohne in dem gestressten Alltag mitzuschwimmen. |
| Immer wieder fasziniert es mich, die vielen unterschiedlichen Menschen in einer Großstadt zu betrachten. Es muss schwierig sein, sich bei so vielen Menschen als Individualist zu behaupten und nicht in der Masse unter zu gehen. Die meisten versuchen es auf die unterschiedlichsten Weisen und so laufen aufgetakelte Snops neben übriggebliebenen Neuhippies, feine Damen und Herren neben sportlichen Weltenbummlern und kamerazückente Touristen neben alternativen Jungfamilien und turtelnden Schwulenpärchen an uns vorbei und ergeben zusammen das bunte und witzige Bild der Großstadt. Nur Straßenpenner sehen wir hier in Stockholm keine. Keine Ahnung, ob das Sozialsystem der Schweden so gut funktioniert, die teuren Alkoholpreise ihre Wirkung tun oder es einfach die strengen Winter zu kalt für Obdachlose sind. | ![]() |

Da Stockholm auch zu Wasser bestaunt werden will und uns die Füße vom vielen Laufen ohnehin müde sind, düsen wir einen Nachmittag mit dem Dingi rund um die vielen Inseln. Der ruhige Kanal von Djurgardan verleitet zum Trödeln, das aufgewühlte Hafenwasser vor Gamla Stan und Södermalm und die vielen Kreuzfahrschiffe, deren Weg wir keuzen treibt zur schnellen Durchfahrt. Der einstige Hafen von Stockholm ist zu großen Wohnanlagen umgebaut worden und vor der Klappbrücke tummeln sich die vielen Segelboote Stockholms um auf die Durchfahrt zu warten. Mitten zwischen den neuen Wohnbauten blieben Hügeln mit alten Arbeiterhäuschen von der Neuzeit verschont. Noch heute leben die Menschen dort teilweise wie früher: ohne Strom und Leitungswasser. Wir legen Pause in einem kleine Park über den Dächern von Södermalm ein und trinken ein mitgebrachtes Bier. Und während wir im Gras sitzen füllt sich der Park. Offensichtlich ist vielen Studenten und Jugendlichen Stockholms der Barbesuch hier viel zu teuer. Kein Wunder, haben wir doch 120 Kronen (ca. 13 Euro) für zwei kleine Bier bezahlt. Die Atmosphäre ist entspannt und gemütlich, nur ein paar Straßenmusiker fehlen.

Wieder holt uns der Regen ein und schon zeitig am Morgen stehen wir am Eingang des Vasamuseums. Man steht davor und denkt: „Die muss ja gekentert sein!“ Und ja, genau das tat sie auch bei ihrer Jungfernfahrt. Und nicht nur die VASA selbst beeindruckt, auch die Arbeit, die geleistet wurde, damit das Schiff, über dreihundert Jahre nach ihrem schändlichen Untergang, gehoben wurde und erhalten blieb, interessiert. Bis zum frühen Nachmittag verweilen wir im Museum, auch wenn uns das künstliche kalte Klima im Bauwerk bald an die Knochen geht.

Der Wind dreht und nimmt zu. Der Ankerplatz bietet nicht mehr länger Schutz und La Belle Epoque alleine zu lassen kommt nicht mehr in Frage, es wird Zeit, wieder ruhigere Plätze zu suchen.
Die Böen jagen zwischen den Inseln hindurch und unter Fock alleine flitzt unsere Stahllady mit bis zu 7 Knoten Fahrt aus dem Hafen. Nur wenige Boote haben noch Segel gesetzt, trotzdem macht es Spaß, durch das unruhige Wasser zu pflügen. Bereits in Södergarnsviken fällt der Anker erneut. Noch einmal kaufen wir frische Lebensmittel und füllen im freundlichen Yachthafen unsere Wassertanks um für die kommende Zeit in den Schären gerüstet zu sein!
Noch ein paar Himbeeren gepflückt und schon hissen wir die Segel, um endgültig in die Inselwelt einzutauchen. Schnell stellt sich der neue Segelalltag ein: während Jürgen an Deck herumhüpft, hier an einem Schot zieht und dort ein wenig nachgibt, die Genoa fallen lässt und die Fock hisst, das Groß ausrefft oder den Besan setzt, um bei den ständigen Kurs- und Windänderungen das Beste aus dem Schifferl zu hohlen, mach ich´s mir im Steuerhaus bequem und übernehme Ruder und Navigation. Denn auch wenn die manchmal engen Fahrwasser zwischen den unzähligen Inseln und Untiefen gut betonnt sind, so heißt es doch besonders aufmerksam zu sein, die vielen Spieren und der rege Verkehr können doch verwirren!
Schon wär´s beinahe um uns geschähen! Langsam und unter voller Besegelung schiebt sich La Belle Epoque durch eine enge Durchfahrt bei Vaxholmen, als eine Fähre direkten Anlauf auf uns nimmt! Ich weiß nicht mehr, wohin, das Herz fällt in die Hose und pocht doch bis zum Hals, das Echolot schreit und die Spiere steht auch noch im Weg. Jürgen brüllt “Nach Steuerbord” und ich reiß das Ruder herum. Mit weichen Knien sitze ich im Steuerhaus, während wir mit schlagenden Segeln nur wenige Meter an der Bordwand der dicken Fähre vorbeischrammen. Kaum zu glauben, hat der Kapitän doch gesehen, dass ich bereits mitten im engen Kanal war. Aber anstelle seine Fahrt zu drosseln und ein paar Minuten zu warten, musste er das weiße Ungetüm auch noch durch die schmale Durchfahrt zwängen. Ab jetzt gibts an Bord La Belle Epoques nur noch einen, verachtlichen Namen für die dicken weißen Fährschiffe mit ihren wilden Heckwellen: “Saufähren!”
Die Aufregung ist bald vergessen und an Bord breitet sich gemütliches Schärensegeln aus. Meist verlässt die grüne Lady erst am späten Vormittag die schönen Ankerbuchten, Tagesetmale von 15 bis 25 Seemeilen werden normal. Zwischen den Inseln wird das Segeln so abwechslungsreich wie auf einem Gebirgssee. Von Flaute bis Starkwindböen reicht die Pallete an Windbedingungen, Sonnenschein wechselt mit Nebelschwaden und Regentage verhelfen zu faulen Segelpausen. Und das Schönste am Schärensegeln: null Seegang!
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Die vielen Naturreservate werden zu unseren liebsten Zielen und wir freuen uns, dass keine Insel wie die andere aussieht. Selbst zur Hauptsaison finden wir genug Platz zum Ankern und hin und wieder machen wir direkt an einer Felswand fest. Das Dingi wird zum Expeditionsschiff und bringt uns zu einsamen Sandstränden oder durch schilfbewachsene Flußmündungen. Wir robben uns durchs Unterholz und erleben ein böses Erwachen mit den Zecken, die hier zur richtigen Plage werden können. Über dreisig Stück kann ich auf einer Insel von meinen Beinen zupfen, bevor ich mich mit einem Köpfler in die eiskalte Ostsee flüchte. Was für ein Glück, dass die Biester so langsam sind, noch keine einzige hat sich festgebissen! Doch auch die Zecken können uns nicht davon abhalten, unsere Bordküche mit Heidelbeeren zu versüssen, fast täglich fülle ich eine Dose mit den blauen Vitaminbomben. Langsam bewegen wir uns in den Süden, denn unser Ziel heißt Trosa. Ende August müssen wir wieder in Stockholm sein, denn zu unserer Freude kommt Besuch aus Österreich. Die Strecke bis Trosa und zurück wird die Zeit bis dahin füllen. |
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Der Zwischenstop in Nynäshamn wird zum Erlebnis der ungemütlichen Art. Eine konservative Familie glaubt zu wissen, dass La Belle Epoque zu nahe an ihrem Grundstück ankert und setzt seine ganze Unfreundlichkeit ein, uns zu vertreiben. Welch dumme Menschen es doch überall auf der Welt gibt, anstelle uns zu fürchten und als mögliche Bedrohung ihres Eigentums zu sehen hätten sie auch versuchen können, uns kennen zu lernen und wären dabei von uns zu einem Fläschchen Burgenländer an Bord eingeladen worden. Na, da kann man ja nur sagen: Pech für sie! Zum Glück bleibt die schimpfende Familie eine herbe Ausnahme unter den zugänglichen und netten Volk der Schweden!
Zum Geburtstag allerdings wünsche ich mir ohnehin eine einsame Bucht an einem schönen Naturreservat und so lassen wir das kleine Städtchen im Kielwasser.
In Trosa angekommen bestaunen wir das hübsche Dörfchen und beschließen, wieder mal einen Tag zu Fuß einzulegen. La Belle liegt sicher vor Anker, während wir quer über die Halbinsel wandern. Erschöpft und glücklich schlemmen wir abends unsere Schwammerlspagetti, zubereitet aus den frischen Rörlingen, die wir entlang des Wegesrandes sammeln konnten.

Doch nicht alle Tage sind so ausgeglichen und schön. Nervige, schwache Briesen rauben mir beim Aufkreuzen mit 1,5 is 2 Knoten Fahrt fast den Verstand und enden mit einem satten Wutanfall, bis auch Jürgen endlich den Diesel vorzieht. Auch gibts unterschiedliche Meinungen an Bord, wie weit man an die Felswende ransegeln sollte. Während jede Zelle meines Körpers nach einer Wende schreit, kann Jürgen garnicht genug Nervenkitzel haben und beklagt die verlorenen Meter, die ich verschulde. Beim abendlichen Lagerfeuer ist jedoch alles bald wieder vergessen. Ist uns doch klar, dass wir beide nur mit einem gleich starken Partner so zufrieden sein können.
| Schon gehts wieder zurück Richtung Stockholm, um alles für einen gelungenen Urlaub vorbereiten zu können. Zurück in Södergarnsviken wird das Boot auf Vordermann gebracht und alle nötigen Einkäufe erledigt. Obendrein schließen wir Freundschaft mit Stefan und seiner netten Familie, die ersten Schweden, welche die österreichische Flagge erkannten und sie nicht mit der, sehr ähnlich aussehenden, lettischen verwechselt. Aber kein Wunder, ist doch Stefans Opa aus Wien nach Schweden ausgewandert.
Endlich gibts das große Hallo am Stockholmer Busbahnhof und nach einem Tag in der Stadt gehts zu viert an Bord wieder raus in die Inselwelt, wo neben Segeltage, Felsliegen und Inselexploring die Saunaabende und lustige, um die Ohren geschlagene, Nächte zum Highlight werden. Mit einer Flasche Sekt stoßen wir beim Lagerfeuer auf die schöne Woche an und fast zu schnell sind wir auch schon wieder alleine an Bord. |
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Der September ist mittlerweile angebrochen und zeigt uns mehr als deutlich, dass die Zeit reif ist, zügig in den “Süden” aufzubrechen. In den Schären ist es ruhig geworden, die Ankerplätze sind fast leer und die ersten Herbststürme jagen über die Küste, während einige Häfen beginnen, fürs heurige Jahr dicht zu machen. Aufmerksam studieren wir täglich die über Kurzwelle empfangenen Wetterdaten und steife Winde blasen uns weiter, während die Sonne nur noch tief am Himmel steht. Starke Wind aus Süd zwingt uns zu tagelangen Pausen und immer öfter segeln wir unter schweren Regenwolken. Schade, dass der Sommer in den Schären nicht ewig dauern kann!

2010 4 Jul
Wikinger, Miesmuscheln und Hundewälder
Von: fortgeblasen um 8:49 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Ein Kommentar
Angekommen, am Ankerplatz bei Marstal, auf der Insel Aero. Eine Insel voll von Geschichte, eine Insel rechtweisend für die Zukunft. Denn Aero blickt zurück auf die glorreiche Zeit von Schiffsbau und ihrer Seefahrtsgeschichte und zeigt Stolz ihren Weg in die Zukunft voll erneuerbarer Energie und Unabhängigkeit.

Doch halt, erst einmal zurückspulen, denn schließlich gibt’s sind wir ja nicht hierher geflogen, schließlich gibt’s etliches zwischen Sylt und Aero zu berichten! Also, ratter, ratter… begonnen hat alles auf der Nordsee:

Ach ja, die Nordsee: „Legen zeitig bei Hochwasser in Sylt ab und laufen anfangs unter Genua und Groß am Wind, bald hissen wir den Besan und LA BELLE fährt mit 4 bis 5 Knoten. Da der Wind abnimmt, setzen wir zusätzlich die Fock, die knapp einen Koten bringt.“ So berichtet das Logbuch. Und ja, nach und nach lernen wir unser Schifferl genauer kennen, nach und nach lernen wir damit umzugehen, dass wir nicht mehr zwei Segel zur Wahl haben, sondern vier Segel gleichzeitig setzen können. Nach und nach lernen wir, wie ein schweres, komfortables und doch segelfreudiges Schiffchen zu handhaben ist. Nach und nach lernen wir, wieder auf Seefüßen zu stehen und die Situation richtig einzuschätzen. Und zwischendurch müssen wir einsehen, dass sich auf der Nordsee nun mal alles um Tiden und Strömungen dreht und die eigenen Wünsche danach gerichtet werden müssen. Was leider einen entscheidenden Nachteil mit sich bringt: nimmt der Wind ab oder läuft die Yacht zu langsam, muss der Motor gestartet werden (um den, durch die Tiden vorgegebenen, Zeitplan einhalten zu können). Au, daran müssen wir uns erst gewöhnen! Drum tümpeln wir auch viel zu lange in der Nordsee herum und schaffen es erst Nachts, endlich in Esbjerg einzulaufen. Groß war die Verlockung, auf die Nacht vor Anker zu verzichten und einfach auf der Nordsee zu bleiben, zu schön und zu ruhig war der Nachmittag auf See! Doch nein, vor uns liegt Horns Reef und außerdem erwartet uns KILUHA in Esbjerg. Und nach einem ausgedehnten Frühstück bei Alfred und Anton geht’s am folgenden Tag weiter in den Norden.

Die Tage sind bereits lange, die Nächte hell und unsere Entscheidung klar: wir wünschen uns endlich wieder einmal eine Nacht auf See! KILUHA weiß bescheid, wir treffen uns irgendwo im Limfjord wieder! Die Nordsee ist uns wohlgesinnt und zeigt sich von ihrer schönsten Seite diese Nacht. Jürgen und ich wechseln uns im Cockpit ab und lassen unsere Gedanken laufen. Ja, wir steuern noch immer per Hand, wir wollen LA BELLE EPOQUE richtig kennenlernen und sie noch lange nicht der Selbststeueranlage überlassen.
„Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steht sie Mittag, im Westen geht sie unter und im Norden steht sie nie“ – nein, liebe Lehrer, nein liebe Leute, ich schwöre, dieser – in der Volkschule gelernte – Spruch, ist falsch. Die Sonne hat einen Kreis um mich gedreht, denn hier geht sie niemals wirklich unter. Doch, fast, sie selbst ist hinterm Horizont verschwunden, doch ihr Schein und ihr warmes Versprechen ist den weiten Weg von Westen über den Horizont nach Osten gewandert um dort wieder in herrlichstem Rot den Tag zu wecken. Für den weiten Weg über den Norden hat sie sich ganze fünf Stunden Zeit genommen, dafür genießt sie den Unter- und Aufgang dermaßen, dass sie sich dafür weitere zwei Stunden Zeit nimmt. Noch nie zuvor in meinem Leben wurde ich schläfrig, während ich den Sonnenuntergang bewundert habe!
Der Morgen begrüßt uns mit türkisem Wasser. Verschwunden ist das tiefe Blau der Nordsee und wir überprüfen ungläubig die Seekarten, überwältigt vom schlechten Gewissen, ins seichte Wasser geraten zu sein.

Schließlich geht’s durch den Thyboron-Kanal in den Limfjord und zwischen Sanddünen, Windgeneratoren und himmelblauen Fischerbooten folgen wir den Bojen bis ins tiefe Wasser des Fjordes. Unser erstes dänisches Dorf – Lemveg – dass wir an Bord der KILUHA besuchen (LA BELLE liegt gemütlich vor Anker) ist etwas enttäuschend – weil nicht besonders erwähnenswert – doch das sanfte, hügelige Land um uns entschädigt vielfach. Gelbe Sandstrände, saftige grüne Hügeln, feuerrote Backsteinhäuschen und überall blühende Wildrosen – Dänemarks herrliche Natur. Und, man glaubt es kaum: unsere Reise steht noch immer im Zeichen der gelb blühenden Rapsfelder!
Wir verabschieden uns von Anton. Wir spielen im Limfjord herum. Wir segeln zur Insel Fur, dösen am Strand und wandern durch die Kieferwälder. Genießen ein Fläschchen „Primus Austriakuss“ im Sand und zittern vor Kälte bei der abendlichen Decksdusche, düsen im Dingi herum und „verarzten“ – oder anders gesagt: lackieren – die paar Kratzer, die LA BELLE EPOQUE von ihren vielen Schleusenfahrten davongetragen hat. Es dauert Tage, bis wir wieder aufbrechen, bis wir uns auf den Weg Richtung Alborg machen. Durch den Nebel geht’s durch die Brücke von Aggersund. Die Überreste der Wikingerburg lassen wir hinter uns, bei diesem dicken Nebel würden wir ohnehin nix sehen! Über Funk ruf ich nach KILUHA, und tatsächlich, Alfred meldet sich und erzählt, dass er – mit neuer Crew – gerade Kurs nach Nibe segelt. So verbringen wir ein paar gemeinsame Tage in Nibe, denn kaum angekommen, bäumt sich der Wind auf und will sich nicht mehr beruhigen. Vierzig Knoten zeigt Alfreds Windmesser, doch uns soll´s egal sein, wir liegen sicher und bequem. Und irgend wann lassen wir den Limfjord und auch die KILUHA in unserem Kielwasser und bestaunen das grasgrüne (weil seichte) Wasser der Ostsee!

Vor uns liegt der Mariagerfjord. Ein tiefer Einschnitt ins Festland, der uns in eine wahre Zauberwelt versetzt. Dichte Wälder, idylische Bauernhöfe, mittelalterliche Dörfer und überwuchterte Bauwerke längst vergangener Tage tragen uns fort in eine andere Zeit. Geschlungen windet sich das Fahrwasser tief in den Fjord hinein und LA BELLE EPOQUE muss wieder einmal vor Anker auf uns warten, während wir mit unseren Fahrrädern quer durch Kuhweiden und Laubwäldern, vorbei an Bauernhöfen und entlang von Roggenfeldern bis Fyrad fahren. Fyrad, das ist der Name einer ehemaligen Wikingerburg, an die zwar nur noch wenig erinnert, welche aber trotzdem in Staunen versetzt. Und so backen wir gemeinsam mit einem Neuzeit-Wikinger (oder soll ich sagen, einem Wikingernachfahren) echtes Wikingerbrot im Langhaus, laufen am ehemaligen Burggelände im Kreis und genießen die Jause am Hafen von Hobro. Ja, die dänischen Wikinger waren wirklich mal zum Fürchten! Die Geschichte erzählt davon, wie sich 1860 Boote, gefüllt mit Kriegern, im Limfjord versammelt haben, um unter dem Wikingerkönig Knud dem Heilige gemeinsam gegen England zu ziehen. Eine Flotte so groß, wie sie in Europa bis dahin noch nie gesehen worden war. Doch der König wurde aufgehalten, denn in Schleswig Holstein wollte man sich per du nicht unter seiner Krone fügen. Dem riesigen Heer im Limfjord wurde es langweilig, auf den König und seinen Kriegszug zur Eroberung Englands auszuharren, während ihre Familien zuhause sehnlichst auf die Männer warteten und die Ernte auf den Feldern zu verrotten drohte. So zogen die wilden Bauernkrieger wieder ab, enttäuscht, ohne Beute nach hause segeln zu müssen. Nur die verbündeten Norweger warteten geduldig in Aggersund.
Als der König endlich wieder gen Norden zurückkam, war er erzürnt über die untreuen Dänen und verhenkte schwere Sanktionen. Zusätzliche Steuern sollten die Untreuen büßen und entflammten erneut den Unmut des Volkes. Die stolzen und selbstsicheren Wikinger erduldeten diese Ungerechtigkeit des Königs nicht: sie kamen zurück, brannten die Burg Aggersborg bis auf ihre Grundfesten nieder und setzten dem flüchtenden König nach, bis sie ihn in der Kirche von Odense schließlich erschlugen! Ja, denn die Politik hat dem Volk zu dienen, so befanden die kriegerischen Bauern.

Das Limfjordmuseum in Hobro stellt sich zu unserer großen Freude als ein Museum „zum Angreifen“ heraus. Das schöne Hafengebäude, gefüllt mit Holzyachten vergangener Tage, ladet nicht nur zum Besichtigen ein, sondern auch zum Angreifen, reingehen, draufsetzen und drunter krabbeln. Mit Holzstufen wird der Weg in die Yachten erleichtert und mit offenen Mündern bestaunen wir jeden Winkel der traditionellen Yacht SILVANA. So macht Museum Spaß!

Zurück an Bord fahren wir ein klassisches „Pyjamamanöver“! Denn der Ankergrund ist schlecht und der Wind hat gedreht. LA BELLE EPQOUE schleppt ihren Anker und will einfach nicht am Platz bleiben. Wir legen uns um, suchen uns eine geschütztere Bucht und müssen dennoch um vier Uhr früh raus, um einen zweiten Anker auszubringen. Wie gut, dass der Yachtclub in Mariager gratis Warmwasserduschen hat. Wir stehlen uns früh morgens ins Badehaus und waschen die Anstrengung von uns. In Hasund verbringen wir einen Abend an Bord der TIMO und schlürfen Sangria, brüten mit Bernd über Seekarten und tratschen über die Ostsee.

Unter Motor verlassen wir den schönen Fjord und freuen uns über die süßen Versprechen, die unser kommender Zielhafen in unsere Köpfe gesetzt hat: Ebeltoft, die kleine Stadt in Djursland, mit ihren schiefen Fachwerkshäuschen und ihrer liebevoll restaurierten Fregatte JYLLAND im schönen Museumshafen.

Und bald entdecken wir, dass uns die Geschichte der JYLLAND schon einmal auf dieser Reise begegnet war, nämlich in Helgoland, wo sie sich, gemeinsam mit zwei weiteren dänischen Fregatten dem Seekampf gegen die österreichische RADEZKY und die SCHWARZENBERG (unter Admiral Tegettoff) stellte. Freilich liegt sie jetzt stolz und frisch Restauriert im Museumshafen und von den 18 Treffer, die sie sich in der Seeschlacht vor Helgoland zugezogen hatte, ist nichts mehr zu sehen. Wir aber genießen einen friedlichen Tag in Ebeltoft, ankern hinter einem hübschen dänischen Schulschiff und schlendern durch die mit Steinen gepflasterten Straßen. Im Touristenbüro decken wir uns reichlich mit Broschüren über die dänische Inselwelt ein und bald schon schmieden wir erneut Pläne.

Mit Rückenwind segeln wir im Schmetterling – also mit Segel zu beiden Seiten ausgebäumt Fünen entgegen, vor uns liegt einer der gemütlichsten Ankerplätze Dänemarks. Und wirklich, in Korshavn angekommen erleben wir endlich Ankeridylle, Badespaß vom Boot aus und unbegrenzten Sonnenschein. Denn wir haben das Festland und seine Wolkenfelder im Kielwasser gelassen. Spontan entscheiden wir uns, einen weiteren Tag in Korshavn zu bleiben und eine Radtour nach Kertminde zu starten. Herrlich, entlang der hübschen Radwege geht’s vorbei an Höfen und Wäldern. Entlang der Radwege gibt’s überall Selbstbedienungsstände, an denen mal Getränke, Obst und Gemüse kaufen kann. Wie praktisch doch die Dänen sind und wie einfach sie kleine Problemchen lösen! So ist der Radweg gleichzeitig ein Reitweg, gegen wilde Campfeuer im Wald gibt’s überall öffentliche Griller an schönen Plätzchen, die vielen Mülltonnen, die auch entleert werden, halten die Natur sauber. Selbst an Hundefreunde wurde gedacht. Anstelle den ewigen Streitereien über leinenlose Hunde und ihre Häufchen haben die Dänen eine sehr einfache, aber effektive Lösung gefunden: Denn hier gibt eigene Hundewälder, in denen die Leute ihre Hunde ohne Leine laufen lassen können und wo es keinen Jäger der Welt gibt, der mit dem Abschuss der herumtobenden Hunde droht. Einfach, aber genial!

Auch die kleine Insel Omo, die wir, nach passieren der Großen Beltbrücke, ansteuern, zeugt von dänischer Freundlichkeit. Denn 2006 wurde die winzige Insel von einer großen Sturmflut heimgesucht und viele Menschen verloren ihr Zuhause. Die Versicherungen jedoch deckten die Schäden nicht und so musste die Bevölkerung die Kosten und Arbeiten der Hausrenovierungen selbst bestreiten. Direkt am Hafen stand das kleine Häuschen von Mille, einer 80jährigen Dänin, das die Sturmflut fast dem Erdboden gleich gemacht hatte. Doch Mille hatte weder das Geld noch die Kraft, ihr Häuschen neu aufzubauen und stand vor dem Ruin. So kamen die Handwerker und Nachbarn in Omo zusammen und jeder half mit, Mille´s Haus zu reparieren. Die Frauen schaufelten den Sand aus Milles Garten und bald schon eintstand ein neues feines Haus für die alte Dorfbewonerin. Noch heute zeigt ein kleines Schild mit der Aufschrift „Milles Hus“ ihre Dankbarkeit an das Dorf.

Wärend wir einen Abendspaziergang um die Insel machen und wieder einmal einen unbeschreiblichen nordischen Sonnenuntergang genießen, wiegt sich LA BELLE ruhig und geschützt am Ankerplatz vor dem weißen Sandstrand Omos. Herrlich, diese dänische Inselwelt!
Noch in der Nacht frischt der Wind auf und bei einer steifen Briese verlassen wir zeitig am Morgen die kleine Insel. Jürgen ist in Hochstimmung, heute will er wissen, was unser Bötchen so alles kann. Und schon fliegen wir unter vollem Groß und gesetzter Genua bei Halbwind über die fast glatte Ostsee. Der Westwind bläst böig mit 5 bis 6 Windstärken (Beaufort) und mir wird ganz anders. Tja, meine Coolness beim Segeln hab ich offensichtlich noch nicht ganz wiedergewonnen und nachdem sich LA BELLE EPOQUE bis zu ihrem Schanzkleid überlegt und ich am GPS eine Fahrtgeschwindigkeit von 8,2 Knoten über Grund sehe, wird’s mir zu bunt! REEEFFFFEEEENNNN…
Sapperlot, und schon tümpeln wir nur noch dahin. Ok, ok, ich geb´s zu, Jürgen hatte recht, also wieder ausreffen und Genua hoch! Unser schweres Schifferl will nun einmal ihre Segelfläche und langsam schöpfe auch ich genug Vertrauen, um die rasante Fahrt genießen zu können. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil endlich auch der wolkenverhangene Himmel aufreist und ein paar Sonnenstrahlen durchsickern…
Die letzte Stunde bis Aero müssen wir allerdings wieder einmal den „Eisernen Judas“ anwerfen, denn der Wind bläst uns platt auf die Nase. Und so sind wir hier angekommen, am Ankerplatz unweit von Marstal, wir sind mit unsrem flotten Dingi in den Hafen geglüht, haben ein Dosenbier am schönen Ostseestrand getrunken und sind faul in der Sonne gelegen. Wir haben die ruhige Stadt durchwandert und werden noch einmal unsere Fahrräder auspacken, bevor wir dieses Land für eine Weile in unserem Kielwasser liegen lassen.

Und weil Pläne dazu verleiten, sie zu ändern, und weil Aero uns mit seinem Inselcharme verzaubert hat und wir uns bei den Fahradtouren über die Insel in selbige fast ein bischen verguckt haben, konnte Marstal schlussendlich doch nicht der letzte Ankerplatz werden. Gemütlich tuckern wir durch das schmale Fahrwasser nach Aeroskobing, genißen Räucherfisch am Hafen und ankern im türkis schimmernden Wasser der herrlichen Bucht. Verbringen gemütliche Abende mit Marion und Axel von der MOOTYE und können uns noch immer nicht von der dänischen Inselwelt trennen. Gemeinsam segeln wir nach Lyo, erleben Lagerfeuer und Grillgenüsse am weißen Sandstrand und fangen ganz nebenbei ein treibendes Segelboot und ein davongetriebenes Dingi ein! Nach einer Extrawoche Dänemark stehen aber die neuen Pläne und morgen werden wir Dänemark im Kielwasser liegenlassen.

Doch wir kommen wieder, denn spätestens, wenn wir die Ostsee mit ihren vielen schönen Flecken Erde verlassen werden, steuern wir noch einmal durch die dänische Südsee, um die viel versprechende Insel Seeland zu bestaunen und in das bunte Treiben der viel gelobten Stadt Kopenhagen einzutauchen!

2010 4 Jul
Blau
Von: fortgeblasen um 8:00 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Frischer, salziger Wind streicht mir übers Gesicht und füllt meine Lungen mit kaltem Sauerstoff. Das Rauschen der Bugwelle mischt sich mit der leisen Musik von Xavier Rudd, die aus den Lautsprechern im Schiffsinneren summt.
Ich schwimme in einer Welt aus blau. Die Nordsee unter uns reicht bis an den Horizont und glitzert im Sonnenschein herrlicher als alles Gold der Welt. Der Himmel ist tiefblau und einzelne Wolkenfetzen weit über mir geben ein Gefühl der endlosen Weite. Nur dort, wo der Himmel das Meer küsst, ändert er seine Farbe in ein dunstiges Weiß. Kein Land ist in Sicht, ich habe den Kurs weit raus gewählt, denn wir wollen die Nacht am Meer verbringen.
Ich sitze am Steuer von La Belle Epoque und halte sie mit einer Hand auf 10 Grad Nord. Mit der kleinen Kreuzfock und dem Großsegel läuft sie ausgeglichen den Wellen entgegen und verlangt nur hie und da eine kleine Kurskorrektur. Neben mir schläft – in zwei Decken eingewickelt – meine zweite Seele. Der Stress und die Anstrengung der letzten Jahre in Österreich sind endgültig von uns gefallen und meine, vom Staub der letzten Jahre, angeschlagene Lungen atmen langsam wieder frei.
Ich könnte schreien vor Glück, denn ich habe alles auf der Welt, wovon man träumen kann und bin unheimlich glücklich und dankbar darüber. Ich muss an die Worte denken, die Seenomadin Doris (www.seenomaden.at) gesagt hat, dass sie manchmal schon Angst vor der ungesicherten Zukunft hat. Ich habe viel darüber nachgedacht. Und möchte ihr am liebsten so laut und fröhlich ich kann zuflüstern: Nein, du gehörst nicht zu den Menschen, die Angst vor ihrer Zukunft haben brauchen. Denn du gehörst zu den Glückskindern, die ihr Leben so geleitet haben, dass sie alles haben, was man sich für eine schöne Zukunft wünschen kann. Eine Beziehung, von welcher manche Menschen wahrscheinlich nicht einmal wissen, dass es sie in dieser Intensität überhabt gibt, die Zeit, die man braucht, damit der eigene Herzschlag mit dem Takt der Natur in Gleichklang schlägt, die Freiheit, die jedes Individuum braucht, um sich richtig entfalten zu können, die Lust und den Mut, diese Freiheit auch mit beiden Händen zu packen und das Privileg, für die eigenen Entscheidungen auch Verantwortung übernehmen zu können.
Du hast nicht nur ein trockenes Dach über den Kopf, sondern auch einen dichten Rumpf unter den Füßen! Du hast den Horizont in den Augen und den Wind im Gesicht. Es gibt viele Menschen, welche Grund zur Angst haben können, wenn sie an ihre Zukunft denken. Und selbst die Vorstellung, auf alle Eventualitäten gut vorbereitet und abgesichert zu sein, kann daran nichts rütteln. Denn was hilft die ganze Vorsorge – die bei manchen so weit geht dass sogar die eigenen Begräbniskosten abgedeckt sind – wenn man dabei vergessen hat, seinen Träumen zuzuhören und die eigene Natur zu leben, wenn man dabei einsam ist oder wenn man seine eigenen Gefühle hinter einer hohen Mauer an Missmut und Unverständnis gesperrt hat.
Ich bin mir sicher, dass Menschen, die es gewagt haben, sich auf ihren Instinkt und ihre Gefühle einzulassen, eine schöne Zukunft vor sich haben und dass das Leben in fast allen Situationen eine positive Wendung nehmen kann, auch wenn man mal harte Zeiten erlebt. Und die schöne Nordsee unter mir wiegt mich – fast als sei es eine Bestätigung meiner Gedanken – sanft und immer weiter den Horizont entgegen, während Xavier Rudd mir eine schöne Reise wünscht „I know you are strong, may your jorney be long and I wish you the best of luck“
2010 4 Jul
Salz auf unserer Haut – über die Nordsee
Von: fortgeblasen um 7:59 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | 2 Kommentare
Wir haben die Flüsse so gut wie hinter uns. La Belle Epoque ist wieder ein stolzes Segelschifferl unter vielen und fällt nicht mehr weiter auf. Die Anstrengung und Müdigkeit, die das letzte Stück Flussfahrt uns gebracht hat, ist schön langsam von uns abgefallen, wir fühlen uns wohl und gerne gesehen hier im WV Motzen und haben alles so weit fertig für das Reisen über Meere.

Na ja, wirklich alles? Immer noch knattert die Welle beunruhigend, wenn wir den Gang einlegen. Auch leckt die Stevenrohrdichtung ein wenig. Nicht gefährlich, aber dennoch… Und so kommt uns der Vorschlag sehr entgegen, dass wir doch ohne weiteres an der Steganlage am schönen Clubhaus trocken fallen können. Ja klar, wir sind im Watt, einmal hoch und trocken gibt’s die gute Nachricht: das Wasser kommt bestimmt wieder! Ist ja auch ganz normal hier, ab und zu am Schlick zu stehen.

Gesagt, getan, auch wenn uns ein wenig mulmig im Bauch ist, ist es doch sehr cool, einfach die Tide zu nutzen, um Arbeiten am Unterwasserschiff zu machen und schon ist La Belle Epoque bei Hochwasser am besagten Steg festgemacht und wir warten. Knut kommt noch schnell vorbei, hilft, La Belle Epoque ordentlich fest zu machen, leistet uns Gesellschaft beim Warten und schmunzelt ein wenig über unsere „Sorgenleine“, eine Leine, mit der wir die Mastspitze mit einem Baum verbunden haben, so kann La Belle unmöglich in die falsche Richtung umfallen! Und schon zieht sich das Wasser zurück. Unser Schifferl neigt zwar die Nase etwas Richtung Boden, doch bleibt sie schön aufrecht im Schlick stehen. Jürgen arbeitet am Schaft und ich mach mich mit meinen knallgelben Gummistiefel auf den Weg unters Schifferl. Tja, geht doch wirklich einfacher als Tauchen und ja, das Wasser ließ nicht länger auf sich warten, als auch im Gezeitenkalender steht. Zum Hochwasser um drei Uhr morgens geht’s zurück an unsrem Stegplatz, der uns hier so großzügig zur Verfügung gestellt wurde und an dem keine Gefahr von neuerlichen Trockenfallen schwebt, denn immerhin geht’s morgen los.
Schon früh morgens herrscht geschäftiges Treiben am Steg, Alfred und Anton packen die letzten Dinge in die Kiluha und wir werden fröhlich überrascht von den vielen Vereinsmitgliedern, die bei uns vorbeischauen um sich zu verabschieden. Mit auslaufendem Wasser legen wir ab. Denn hier dreht sich alles um die Strömung, hier geht’s nicht um den Zeitpunkt, den man gerne auslaufen möchte, hier geht’s um den Zeitpunkt, zu der Tidenstrom ein Auslaufen zulässt.
Und da der Wind einfach nicht mitspielen will, motoren wir neben Kiluha nach Bremerhaven. Der schrullige Hafenmeister aus Kärnten knöpft uns das Liegegeld ab und wir verbringen die Halbe nach bei Rotwein bei Alfred und Anton. Schwätzen über frühere Reisen, über neue Ziele und über den kommenden gemeinsamen Weg. Bremerhaven kommt dabei fast ein wenig zu kurz, denn schon kommenden Tag wollen wir unseren ersten richtigen Segelschlag machen.

Wir wollen die einzige deutsche Hochseeinsel ansteuern, ein guter Ort, um weitere Reisen über die Nordsee anzugehen, den Dieseltank auffüllen und zollfrei einzukaufen. Zwar hatten wir geplant, erst einmal kreuz und quer an der Küste zu segeln und die vielversprechenden Orte an der deutschen Küste zu sehen, doch haben wir schnell einsehen müssen, dass La Belle Epoque nicht ernsthaft das richtige Boot für solche Unterfangen ist. Durch ihren Tiefgang und unser Unwissen im Watt wäre es einfach zu gefährlich, sich nicht an die betonten Fahrwasser der Küste zu halten. Gut und schön, aber zwischen den Tonnen lässt sich nur segeln, wenn auch der Wind von der richtigen Richtung kommt und weiterhin durch die Gegend motoren? Nein danke, dann doch lieber raus ins freie Nordseewasser. Doch die Weser ist wohl anderer Meinung!
Der Wetterbericht hat zwar keine Windwarnungen rausgegeben, doch Böen hallten sich nicht immer an den Wetterbericht und kaum den Steg verlassen türmen sich Wolkenfelder am Himmel. Alfred bindet wohlwissend ein Reff in sein Groß, wir segeln erst einmal ohne Besan, immerhin segeln wir La Belle Epoque zum ersten Mal und man will ja nichts übertreiben.
Gute Entscheidung, denn schon fällt eine Böe über uns ein und La Belle kränkt unter ihrer viel zu vollen Garderobe weg. Der Wind bläst uns auf die Nase und der Versuch, aus der Weser zu kommen wird zur Qual. Nee du, sind wir den blöd? Wer hat gesagt, dass wir ausgerechnet heute nach Helgoland müssen? Die kleine Insel wird doch wohl auf uns warten können und nicht in der Zwischenzeit verschwinden. Die Entscheidung ist schnell getroffen und La Belle vollführt eine Wende während Kiluha in den Wind aufkreuzt. Solche zwei Haudegen, denken wir noch, diese Nordseesegler, da sind wir doch noch ein wenig jünger als die Beiden und die segeln uns einfach so davon. Aber was soll’s, Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht bringt das Wetter ein wenig bessere Voraussetzungen für unseren ersten Nordseetörn.
Wir ankern auf der Kleinfahrzeugreede, was eigentlich nichts anderes heißt, als am Ankerplatz für Flussfrachter und Hochseefischer und teilen uns zur Vorsicht auf Ankerwache ein. Wir kennen ja den Anker noch nicht gut genug um ihn wirklich zu vertrauen und hier hat´s aber eine Strömung! Um halb vier Uhr morgens gehen wir Anker auf und verlassen endgültig die Weser.
Das Umdrehen und Warten hat sich gelohnt, ein herrlicher Sonnenaufgang versüßt uns die ersten Segelstunden und der moderate Halbwind schiebt uns immer weiter in die Nordsee. So macht Segeln Spaß! Aber uff, muss denn noch so eine lästige hohe und kurze Welle gegen uns stehen? Bald schon lässt Jürgen den Horizont nicht mehr aus den Augen um nicht entgültig krank zu werden. Ich denke mir nichts dabei und sieh mir eine ganze Weile die Seekarten am Laptop durch.
Als ich wieder nach draußen schlüpfe, läuft mir die Farbe aus dem Gesicht. Ui, so fühlt sich dass also an und schon halte ich mich an der Reling fest! Die Übelkeit verfliegt aber genauso schnell, wie sie gekommen ist und müde und geschlaucht laufen wir in Helgoland ein.

Der Hafenmeister erzählt, dass Kiluha noch nicht hier war und schon am frühen Abend verkriechen wir uns in der Koje. Bald schon bindet ein Boot an unserer Seite fest weil der Steg voll belegt ist, verschlafen sehen wir, dass es nicht Kiluha ist, die aber etwas später ankommt. Auf der kleinen Insel Helgoland fühlt man sich gleich wohl und nachdem wir Zollfreirum gebunkert haben, spazieren wir über die rote, geschichtsträchtige Insel.
Selbst die Österreichische Monarchie hatte hier mal ihre Finger im Spiel und gewann Helgoland bei einer Seeschlacht gegen Dänemark für die Preußen. Während der schrecklichen Naziherrschaft in Deutschland sollte Helgoland zu einem riesigen Kriegshafen ausgebaut werden, doch die Bewohner Helgolands mussten für das „Projekt Hummerschere“ teuer bezahlen: in einem gigantischen Bombenangriff wurde die gesamte Insel zerstört. Schließlich ging das Landrecht an die Briten, die alle Einheimischen nach Deutschland deportierten und auf die verrückte Idee kamen, die Insel zu versenken. Der „Big Bang“ sollte die Insel von der Erdoberfläche löschen und massenweise Sprengstoff wurde auf die Insel geschafft. Helgoland hielt jedoch stand und nur ein Teil der roten Klippen versank in der Nordsee. Schließlich wurde das ungeliebte Kind an Deutschland zurückgetauscht und die Helgoländer nahmen ihre Insel wieder in Besitz und bauten einen autofreien Kurort und Anziehungspunkt für Touristen daraus.

Der raue Scharm, den die gebeutelte Insel hat, ging dabei nicht verloren und wir genießen ein paar Tage in Helgoland und beschließen endgültig, unseren Weg in die Ostsee nicht durch den Nord-Ostsee-Kanal zu nehmen, sondern die Nordsee noch ein wenig besser kennen zu lernen und die Küste in den Norden hoch zu gehen. Wir wollen in den Limfjord, die Wasserverbindung quer durch Dänemark und freuen uns, dass auch Kiluha diesen Weg gehen wird, auch wenn es leicht möglich ist, dass sie schon bald etwas schneller als wir unterwegs sein werden. Gemeinsam lassen wir Helgoland hinter uns und erleben trotz Nordwind einen traumhaften Segeltag nach Sylt. Die See glitzert im tiefen Blau und die Luft riecht betörend nach Meer und Salz. La Belle Epoque arbeitet sich unter Besan, Groß und Genua die Nordsee hoch, segelt ausgeglichen und ohne viel Korrektur am Steuer zu verlangen schneidet sie sich durch die kurze See. Uns tanzt das Herz. Wir haben uns mit diesem Schifferl richtig entschieden.

Bald erreichen wir die Ansteuerungstonne Vortrapptief und fahren unter Motor den sicheren Kanal durch die schöne nordfriesische Inselwelt, bis endlich vor Hörnum auf Sylt der Anker fällt. Die Dünenlandschaft strahlt in ihrer kargen Schönheit und wir nehmen den Bus nach Westerland, nur um schnell wieder der Einkaufwelt und dem Autolärm zu entfliehen. Wir schlendern über die Dünen von Hörnum, vorbei an den vielen kleinen, auf Sand gebauten Villen und dem rot-weiß-roten Leuchtturm, der noch immer jede Nacht seine Dienste tut. Wir schlendern barfuss über den Nordseestrand und durch die kleinen Wasserpfützen, welche die Ebbe vergessen hat, mit hinaus ins Meer zu nehmen. Morgen geht’s weiter. Morgen werden wir die dänische Flagge setzen.
Morgen werden wir Deutschland hinter uns lassen. Aber nicht für lange! Denn wir nehmen die besten Erinnerungen von diesem Land uns seinen Leuten mit uns. Wir sind hier sehr freundlich empfangen und aufgenommen worden, haben viel erlebt und nette Leute kennen gelernt. Und, wir freuen uns auf die deutsche Ostseeküste!
2010 23 Mai
Ein starkes Stück – vom Rhein über die Kanäle zur Nordsee
Von: fortgeblasen um 20:49 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Es ist bereits später Nachmittag und wir wollen noch einen guten Platz finden, an dem wir Ankern oder notfalls auch anlegen können, um uns die berühmt berüchtigte Loreley für morgen aufzusparen.

Doch leichter gesagt als getan. Schon der erste Ankerplatz, den im Buch beschrieben wird, endet für uns im Sand und mit knapper Müh und Not schaffen wir es, durch die enge und seichte Einfahrt wider ins tiefe Wasser zu kommen. Diese extreme Strömung hier verlangt Vorsicht. Die Zeit vergeht und langsam steigen in uns die Sorgen hoch, dass wir doch noch vor Einbruch der Dunkelheit einen guten Platz für die Nacht finden. Immer näher rücken wir der Loreley, immer schlechter wird das Wetter, immer ärger die Strömung. Es ist bereits Abend, wir müssen wo rein! Wir versuchen es in Lohr, hinter der Halbinsel ist ein Hafen und wir entdecken auch größere Yachten. Aber Vorsicht, die Karte zeigt einen unbetonten Felsen, dem wir nicht zu nahe kommen dürfen. Machen wir auch nicht, doch dieser Felsen, der mittlerweile sogar gekennzeichnet worden war, währ das kleinere Übel gewesen. Wir dampfen gegen die Strömung in Richtung Hafen und plötzlich kracht es. Wie ein verletztes Tier torkelt La Belle Epoque über das Felsenfeld, ohne Chance, von selber wieder runter zu kommen. Die Strömung treibt uns immer weiter, weiter auf die Felsen. Es kracht und knirscht und – am aller schlimmsten – die, an Deck verzurrten, Masten schaukeln wie wild umher. Es gibt eine Richtung mehr, in die wir fahren können und endlich bleibt La Belle auf einem der vielen Unterwasserfelsen hängen. Die Fähre, die nicht einmal ein Drittel so tief ins Wasser reicht wie unser Schifferl, kommt mit einer dicken Trosse zu uns. Ohne viel Drumrum zieht der starke Dieselmotor der Fähre uns quer über das Felsenfeld zurück ins tiefe Wasser. Nein, für ein Boot mit diesem Tiefgang gibt’s her nirgends einen Platz. Ihr müsst draußen im Strom bleiben!

Mir wird schlecht. Draußen im Strom bleiben? Bei Nacht und im trüben Regenwetter durch die Loreley, einem der gefährlichsten Strecken der deutschen Wasserstraßen? Ohne Flussradar und ohne Mondschein durch das nicht beleuchtete Fahrwasser, an dessen Ufern spitze Felsen und gefährliche Untiefen lauern? Dass kann wohl nur ein Scherz sein. Im Halbdunklen sehen wir in Pfalz eine Fähre. Unsere Chance. Über Funk versuche ich, den Fährmann zu erreichen um die Wassertiefe im Hafen zu erfahren. Doch der hört keinen Funk und wir werden nie erfahren, wie Tief das Wasser im Hafen von Pfalz ist. Ein Güterschiff meldet sich. Ruft die Revierzentrale, die wissen, wo ihr hin könnt! Gesagt, getan. Und wirklich, fahrt weiter bis in die Loreley, der Schutzhafen dort ist für die Großschifffahrt, da kann ich garantieren, dass ihr mit euren zwei Metern Tiefgang kein Problem hat.

Es beginnt zu Hageln und La Belle Epoque fliegt – getrieben von der unglaublichen Strömung hier – durch die Loreley. Zerknirscht, unterkühlt und völlig fertig schmeißen wir endlich den Anker in der kleinen sicheren Hafenbucht. Wir werden mindestens einen Tag brauchen, bis wir uns wider in das unbequeme Fahrwasser des Rheins hinaus wagen.

Es ist laut hier. Die Züge fahren zu beiden Uferseiten und wir wundern uns, das dieser wunderschöne Landstrich damit verschandelt wurde. Wir nehmen einen Tag Auszeit. Nachdem Jürgen unters Boot getaucht ist, wissen wir, dass La Belle Epoque den Felsen mit einer Delle und etlichen Kratzern im Lack davon gekommen ist. Wie gut, ein stabiles Schifferl zu haben! Wir wandern auf die Loreley und staunen über den Ausblick. Es ist unbeschreiblich, wie die Talfahrer sich um die enge Kehre drehen. Gut, dass wir gestern keinem von diesen dicken Schiffen im Weg gestanden sind!

Dann geht’s wieder rund. Schnell lassen wir das Gebirge hinter uns und mit der Landschaft ändert sich auch zunehmend der Schiffsverkehr. Bis zu zehn Schiffe gleichzeitig begegnen wir und irgendwie finden wir auch immer durch das dichte Feld. Ihre Wellen geben das Gefühl, als sei man dem Meer schon ganz nahe! Immer tiefer dringen wir vor in ein Gebiet, das von Industrie, Häfen und Großstädten geprägt ist. Unser geplantes Ziel – Köln – lassen wir hinter uns und weiter geht’s bis Düsseldorf. Wahnsinn was man im Rhein alles kann: 188km in zehn Stunden! Und Düsseldorf zeigt sich von seiner besten Seite, finden wir doch einen Liegeplatz bei den sehr netten Damen und Herren der Stadtwerke. Und obendrei wird hier auch noch gefeiert, es ist Vatertag und kurzerhand feiern wir in ihrem tollen Vereinsschiff einfach mit. Mmhh, Altbier – auch sehr lecker!

Über die Kanäle bis zur Weser
Noch ein halber Tag Fahrt und wir verlassen den Rhein. Ab jetzt gehen wir es wieder ruhiger an. Der Rhein-Herne Kanal lässt unsren Puls wieder runterkommen und wir tuckern gemütlich durch das Land. Schon bald erreichen wir den Dortmund-Ems Kanal und nach den vielen Städten und großen Häfen finden wir uns plötzlich und unverhofft mitten im schönen Land.

Ruhig und bei wenig Verkehr geht’s vorbei an Kuhweiden und Baumalleen, Bauernhäuser aus roten Backsteinen und kleinen Ortschaften. Immer mehr Sportboote begegnen uns und überall findet man kostenfreie Liegeplätze, extra ausgewiesen für Sportboote. Herrlich!

Die Schleusenarbeit ist kaum mehr der Rede wert und bald lassen wir auch das „nasse Dreieck“ – die Kreuzung in den Mittellandkanal – hinter uns. Wir haben uns entschieden, doch hier am Dortmund-Ems Kanal zu bleiben und das letzte Stück über den Küstenkanal bis zur Weser zu nehmen. Der Verkehr ist hier schon sehr wenig, zum Glück, denn bei dem Versuch, einen Frachter im engen Fahrwasser zu überholen, geht uns fast das Gas aus. Die Schraube des Frachters zieht derart viel Wasser, dass wir mit Rumpfgeschwindigkeit graden noch so vorbeischlüpfen.

Wir lassen das rotbraune Wasser des DEK hinter uns und biegen in den Küstenkanal ein. Schnurgerade und relativ langweilig geht’s weiter. Wenigstens lässt sich mal die Sonne blicken. Die paar Häuser, die zwischendurch an den Uferseiten zu sehen sind, sind willkommene Abwechslung zu den ansonsten eintönigen Bäumen. Eine Letzte Nacht verbringen wir in Oldenburg, denn ab der Hunte morgen befinden wir uns im Tidengewässer!

Die stolze La Belle Epoque!
In Elsfleth angekommen, radeln wir erst mal zum Yachthafen. Hier soll es einen Mastenkran geben und wir wollen La Belle Epoque endlich zurück als Segelboot. Überal erfahren wir Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, schnell gewöhnt man sich an den Grüß des Nordens: Moin! Ja, schön ist es hier, doch leider nix für so ein großes Schifferl! Großes Schifferl? Wir hatten doch bisher immer geglaubt, das La Belle ab hier eine von vielen wird! Ne, und mit zwei Meter Tiefgang wird’s so und so eng! Also auf zur Elsflether Werft, und die helfen uns dann auch. Gleich hinter der Gorch Fock – dem Stolze Deutschlands, wie wir erfahren – machen wir La Belle fest und nach kompetenter Arbeit wird auch sie wieder zum stolzen Schifferl. Geschafft, Die Masten stehen, wenn auch noch viel Arbeit wartet, bis wir endlich die Segel hissen können. Zurück am Stadtkaje von Elsfleth bekommen wir Besuch. Ralf vom Nordseeseglerforum heißt uns herzlich willkommen und hat auch noch gleich eine besondere Überraschung für uns: ein Stück weiter, an der Steganlage des WSV Motzen, wartet ein Liegeplatz für uns. Dort dürfen wir ein paar Tage kostenlos festmachen! Unglaublich, wir sind platt von so viel Gastfreundschaft! Und so liegen wir ein paar Tage an der Weser, wo wir nach und nach die netten Leute kennenlernen und aus La Belle Epoque die stolze Segelyacht machen, mit der wir noch viel erleben werden!

2010 12 Mai
Mit der Wollmütze und dem Segelboot durch das “Wärmste Gebiet Bayerns”
Von: fortgeblasen um 21:42 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Es ist wirklich schön hier, auch wenn das Wetter nicht mitspielt. Grau verhangen ist der Himmel und kein Sonnenstrahl schafft es durch die einzelnen Regenschauer. Nur gut, dass La Belle Epoque mit einem Steuerhaus ausgebaut ist, hier ist es trocken und warm.

„Bei uns treibt ein Sportboot vorbei!“ fangen wir auch gleich einen Funkspruch eines empörten Frachterkapitäns auf. Der leere Außensteuerstand verwundert! Nein, keine Sorge, La Belle Epoque ist voll unter Kontrolle!
Die Güterschiffe, Schubverbände und Kabinenschiffe gehören zu unserem Alltag. Wir hängen uns ihnen an, um gemeinsam durch die Schleusen gebracht zu werden, wir machen ihnen Platz, wenn sie uns begegnen, wir beanspruchen ein Stück Mauer oder eine Dalbe zwischen ihnen, um die Nächte ruhig zu liegen und wir freuen uns, dass jeder einzelne an Bord unsere Grüße erwidert.
Nur Sportboote, die fehlen hier fast gänzlich. Zwar sind die Yachthäfen entlang des Flusses gefüllt mit Motor- und, erstaunlich vielen, Segelbooten, doch Reisende trifft man nicht. Komisch, dachte ich doch immer, dass zu dieser Jahreszeit viele Segler den Weg ins Schwarze Meer einschlagen. Und müsste nicht auch die österreichische „Solarwave“ schon längst unterwegs sein? Ja, und tatsächlich, wir begegnen ihr an der Schleuse Knetzgau. Die Crew des elektrobetriebenen Kats hat allerdings viel zu viel Stress, um unsere Grüße erwidern zu können.

Der Wind hat ganz schön aufgefrischt und La Belle wird lebendig. Als würde sie sich freuen, endlich ein Lüfterl zu spüren, hebt sie ganz leicht ihr Heck aus dem Wasser und lässt sich vom Wind schieben. Nicht gerade zu unserer Freude, werden wir doch regelrecht in die Schleusen hinein geblasen. Und rückwärts Aufstoppen, ja, das ist halt so eine Sache mit einem einmotorigen Langkiel…
Die Schleusenarbeit allerdings ist schon zur Routine geworden. Jeder von uns zwei kennt seine Handgriffe, die Arbeit klappt wie am Schnürchen. Na, es geht ja jetzt auch bergab, was die Sache ohnehin leichter macht. Die Schleusen am Main sind lang genug, dass wir gemeinsam mit zwei großen Güterschiffen in die Kammer passen, der Schleusenhub beträgt nur noch wenige Meter. Dafür sind die 384 Mainkilometer mit satte 34 Schleusen gespickt, im Schnitt also alle zehn Kilometer eine Schleuse, das hält auf! Einen erstaunlichen Effekt allerdings bringen die vielen Schleusen: wir können es fast nicht glauben und rechnen ein zweites und drittes mal durch: nach 65 Motorstunden am Main tanken wir 160 Liter Diesel. Das ergibt knappe 2,5l Verbrauch in der Stunde. Unglaublich? Na, wir liegen ja die halbe Zeit mit auf Standgas laufendem Motor in den Schleusen. Und, die Strömung schiebt mit an. Ja, denn wenn auch der Main ein sehr sanftes und ruhiges Gewässer ist, seine wenige Strömung läuft mit uns.

So ruhig der Main ist, so flach werden leider auch seine Ufer. Der Fluss macht es uns schwer, gute Ankerplätze oder Liegemöglichkeiten zu finden. Ziemlich jeder Yachthafen fällt sozusagen flach, mit meist 1,3 bis 1,5 Meter Wassertiefe brauchen wir gar nicht daran denken, dort anzulegen. Im Gegensatz zum Kanal wollen die freundlichen Schleusenwärter nichts davon wissen, dass wir uns gerne an ihre Dalben legen würden. Aber kein Wunder, hier ist es auch weil zu eng, dass ein „Sportboot“ – so die offizielle Flussbenennung unserer Belle – auch noch im Weg liegt. Karten, in denen die Wassertiefen eingezeichnet sind, existieren ja ohnehin für Flüsse nicht und obendrein ist der Main noch gefüllt mit Unterwasserbuhnen, also Schotterhügel, die gegen die Auswaschung der Ufer angelegt wurden. Die abendliche Suche nach einem guten Platz für die Nacht wird regelrecht zum Krampf, vom Städtebesuch ganz zu schweigen.
In Würzburg wollen wir es aber wissen. Der Würzburger Yachtclub, der im Bootshandbuch eingezeichnet ist, ist leider von der Bildfläche verschwunden, was also tun. Wir fragen beim Schleusenwärter nach, aber auch hier kann der uns nicht an seine Mauer legen lassen. Keine Chance! Aber er forscht nach und nach einer vergangenen Minute meldet er sich erneut: Im alten Hafen ist Platz und zwei Meter Tiefgang sind hier wohl auch kein Problem. Super, danke und schon geht’s durch diese Schleuse mit der schönen Brücke darüber und in den Alten Hafen. Wir melden uns an und bekommen einen Platz an der Mauer zugesprochen. Dachten wir halt. Denn den seichten Bootssteg konnte der Hafenmeister ja wohl nicht gemeint haben. Der kalte Schnürlregen beim Schleusen hat uns halb erfroren und so wärmen wir uns bei einer Tasse Kakao mit Rum (danke Mignon, warmer Kakao ist wirklich das beste Rezept gegen nasskaltes Segeln), als plötzlich draußen die Hölle los ist. Ein Kreuzfahrer schiebt sein Heck auf uns zu und unter großem Trara und im Blitzlicht vieler Fotoapparate werden wir von der Mauer vertrieben. Der Hafenmeister kann es gleich gar nicht glauben, dass es am Bootssteg keine zwei Meter hat und schon sitzen wir im Schlamm. Über zwei Stunden kämpfen wir aus dem blöden Hafen wieder raus. Denn jeder weitere Platz, den uns der Hafenmeister zuteilt, ist verschlammt und so sitzen wir dreimal im Dreck und loten für den Hafenmeister das Fahrwasser aus. Schließlich bekommen wir einen Platz hinterm bayrischen Lagerhaus BayWa an einer Mauer im Strom zugeteilt. Ohne Hafengebühren, aufgrund der widrigen Umstände erlassen…

Wir genießen eine warme Dusche, hausgemachte Bratwürstel und viel Gastfreundschaft bei Wolfgang und Martina und radeln und laufen kreuz und quer durch die hübsche Stadt. Müde fallen wir schon früh in die Koje und zeitig am nächsten Morgen geht’s weiter. Die Landschaft hat sich mittlerweile wieder geändert, die sanften Hügel sind gefüllt mit Weingärten und die vielen kleinen Dörfer entlang der Ufer zeigen stolz ihre vielen Fachwerkshäuschen. Wie schon in ganz Bayern ragen überall die Kirchtürme empor und an beiden Ufern reihen sich die Campingplätze. Kein Wunder, durchkreuzen wir hier die Spessart. Obwohl die Städte und Dörfer entlang des Mains im Zweiten Weltkrieg unter den vielen Bombenangriffen zu großen Teilen zerstört wurden, wurde vieles wieder nach alten Vorbildern aufgebaut und in vielen Ortschaften fühlt man sich um Jahrhunderte versetzt. So auch in Miltenberg, das sogar einen eigenen Yachtanleger an seiner Promenade hat. Mit 2,5 Meter Wassertiefe, welcher Luxus!

Wir lassen die Spessart hinter uns und nur noch wenige Kilometer Main liegen vor uns. Beeindruckend öffnet sich Frankfurt vor uns und schon ist es auch vorbei mit der Stille und der von Vogelgesang erfüllter Natur. Alles um uns ist bunt und bewegt sich. Ja, bewegt sich sogar lautstark. Am Wasser, auf den Straßen und Schienen um uns und in der Luft über uns. Hier ist wirklich alles in Bewegung! Entlang der Kräne und Lagerhäuser geht’s weiter zu den letzen Schleusen im Main, immer weiter Richtung Kilometer Null und schon öffnet sich der große Rhein vor uns. Und so lassen wir Bayerns wärmste Gegend hinter uns, die wir mit Wollmützen und Regenjacke durchquert haben.

2010 28 Apr
Dann sind wir mal weg – Über die Donau zum Main-Donau-Kanal
Von: fortgeblasen um 18:44 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Es ist kaum zu glauben, hier, mitten in Europa, mit geschäftigem Treiben an beiden Uferseiten, hat sich uns eine andere Welt aufgemacht. Geduldig leitet die Donau ihr Wasser Richtung Schwarzes Meer und umgibt uns mit ihrer gleichmütigen Ruhe. Schnell begreifen wir, dass sie mehr als nur eine Wasserstraße und – reguliert oder nicht – immer noch eine Quelle des Lebens ist.

Santa Roberta begleitet uns
Langsam erst setzt sich eine tiefe Ruhe und Befriedigung in unsere Herzen und wir begreifen, dass wir wieder dort unser Leben aufgenommen haben, wo es am lebenswertesten für uns scheint. Ausgiebig durften wir Abschied feiern. Wir flogen nahezu von einer Einladung zur nächsten, unsere kleine Abschiedsfeier am Fluss wurde zum schönen, großen Fest und unsere Freunde füllten La Belle Epoque fast zum Bersten mit g´schmakigen Andenken aus unserem Geburtsland.
Mit der schnellen Hilfe von James wurde La Belle Epoque schließlich reisefertig gemacht und ihrer stehenden Masten beraubt. Unter schwerer Last – weil bis unter die Aufbauten vollgestaut – nahm sie ihren Weg auf. Die fröhliche Santa Roberta begleitete uns schnell entschlossen das erste Wegstück mit einem verrückten Haufen uns lieb gewordener Freunde an Bord. Auch auf La Belle Epoque war die Stimmung heiter, unsere Familie war gekommen und auf der ersten kurzen Etappe durch die herrliche Schlögener Schlinge genossen wir gemeinsam bei Stelze und Bier die überraschend leichtfüßig laufende La Belle. Bereitwillig wurden wir in Aschach geschleust und mit einem herzlichen Gruß auf unseren Weg geschickt. In Schlögen noch ein letzter Abschied, von nun an würden wir alleine weiterreisen. Und so verkrochen wir uns in unsere Koje, am folgenden Tag wollten wir zeitig aufbrechen.
Fast, als wollte uns die Welt zeigen, unserem Vorhaben wohlwollend gegenüber zu stehen, wurden wir auch diesen Morgen wieder mit strahlendem Sonnenschein empfangen, der uns durch das schöne Land begleitet. Schon kamen wir zu unserer ersten Schleuse, die wie alleine an Bord durchfahren würden, und auch hier erlebten wir nur Freundlichkeit. Sofort wurde uns eine Schleusenkammer vorbereitet und nur kurze Zeit später ging’s gleich nach oben. Großartig, freundlich und unkompliziert wurden wir alleine ohne weiterem Schiff in die Höhe befördert, als hätte die Schleuse nur auf uns gewartet. Und, damit wir das Land am Strome auch wirklich frohen Mutes verlassen konnten, stoppte auch das Boot der Schifffahrtsaufsicht im Grenzgebiet ihren Motor um uns eine schöne Reise zu wünschen und uns zu verabschieden.

Donau
Und schon flattert die deutsche Flagge an unserem Bug und langsam geht unsere Reise in den Norden!
Doch früher als geplant legen wir den ersten Stop ein. Die Schleuse Kachlet bei Passau meldet uns Sperre bis Samstag Mittag. Ach so, jetzt wird klar, weshalb wir so wenig Gegenverkehr hatten. Wir dürfen gerne bis Samstag an ihrem eigenen Werkanleger gehen, so der freundliche Gruß. Was, zwei Meter Tiefgang, na, dann wohl doch besser nicht an unseren Anleger, für 2m können wir hier nicht garantieren!

ankerplatz in passau
Na gut, also alles klar zur Wende! Wir sollten doch mal im Hafen Racklau nachfragen, vielleicht hätten die ein Plätzchen für uns frei. Wir drehen eine Runde, nee du, danke, hier wird Kohle geladen. Danke, aber lieber wieder raus aus den Hafen und vor Anker, mit Schiffsverkehr ist ja ohnehin nicht zu rechnen – ´drum auch nicht mit Wellen und Geschaukel. Hinter den beiden schönen Holländern am Ankerplatz fällt auch schon der Anker von La Belle Epoque.
So, erst mal ein Bier auf Deck und beobachten, ob der Anker in dieser Strömung auch wirklich hält. Da schlafen wir doch beide glatt in der Sonne ein, anstelle der geplanten Ankerwache… aber der hält ohnehin ganz gut.
Am Freitag wird erst einmal “Landfein” gemacht, das Dingi geht baden und wir düsen zurück nach Passau. Was für eine schöne Stadt. Laut, aber schön. Wir schlendern durch die Gassen und entlang des Inns, genießen ein Löwenbräu in der Fußgängerzone und beobachten die Schiffe, denn immer mehr von ihnen legen an, um zu warten.

Stadtbummel durch Passau...
Samstag morgen: oh Schreck: die Holländer sind weg! Phu, gut, dass die wissen, wie man Schiffe fährt, wir lagen ja doch sehr knapp hinter ihnen und da schleichen die sich einfach so davon…aber Gott sei Dank ohne dabei an uns anzustreifen! Also mal ran an die Funke und verschlafen die Schleuse anfragen. Prompt kommt auch schon die Antwort. Hängt euch ran, die Jana Maria steuert gerade in Richtung Schleusenvorhafen. So heißt´s: rein in den Pullover und an die Arbeit. Jürgen springt aufs Vordeck und lichtet den Anker, während ich schon Fahrt aufnehme und rechtzeitig hinter der Jana Maria geht´s in die Schleuse. Der Schlaf ist verflogen und die Sonne kämpft gegen die kalten Finger, das Schleusentor schließt sich und “unser” Holländer wünscht einen guten Morgen. Da schau her, die Jana Maria kennen wir! Der Kapitän erzählt uns, dass der Wasserstand in Vilshofen zweieinhalb Meter beträgt. JA – wir können weiter! Sie selbst können nur mit einem Schiff weiter, der Frachter seines Vaters hat 2,4m Tiefgang, da geht leider gar nichts. Schönes Schifferl haben wir, meint er. Sie selbst haben ein Segelboot in der Türkei liegen, sind es die letzten Urlaube von Holland runter nach Gibraltar und weiter ins Mittelmeer gesegelt. Lustig, schmunzle ich, da lebt diese Familie am Wasser, und was machen sie im Urlaub: na, segeln, was denn sonst!
Nach der Schleuse Kachlet hieven wir noch schnell unser Dingi an Bord und langsam arbeiten wir uns gegen den starken Strom. Viele Kilometer lang bleibt ein deutscher Frachter hinter uns, wir machen Platz und haben ihn für den restlichen Tag vor uns. Hier kann keiner Gas geben, denn die Strecke ist eng, seicht und mit viel Strömung gegen uns. Dafür ist es schön hier.

wir werden verfolgt...
Anfänglich verzaubert das Land noch mit sanften Hügeln und satten Weiden. Allmählich wird es flach und Laubbäume zieren das Ufer. Viele Menschen genießen diesen schönen Landstrich und zu beiden Uferseiten tummeln sich Camper, Fischer und Radfahrer. Kinder und Hunde spielen am Ufer und Griller werden aufgebaut. Wir fahren mitten durch und erlauben uns die erste Kaltwasser-Eimer-Dusche in diesem Jahr. HUSCHIIII…….!
Ich könnte den ganzen Tag über Deck tanzen! La Belle Epoque arbeitet wunderbar unter uns und die Sonne vertreibt schnell die Kälte von der Donaudusche. Wir verwöhnen uns mit Kekse von der Abschiedsfeier und wechseln uns am Steuer ab. Die teilweise doch sehr starke Strömung und das enge Fahrwasser fordert die gesamte Aufmerksamkeit des Steuermanns. Man kann dennoch verstehen, warum die Deutschen so bedacht sind auf diese Strecke Natur. Denn hier teilen sich ja bekanntlich die Meinungen. Naturliebhaber und Umweltschützer umkämpfen das Gebiet gegen den Ausbau der Wasserstraße, Handelsleute und Schiffer stoßt das ganzue Thema sauer auf. Klar, wenn man bedenkt, dass sie nur mit weniger Ladung durch das seichte Gebiet finden, bergauf ein vielfaches an Diesel brauchen um gegen die starke Strömung, die durch die Verengung des Fahrwassers künstlich erzeugt wurde, anzukommen und obendrein mit der Gefahr leben, bei einem kleinsten Steuerfehler oder einfach nur einem Stein, der ins Fahrwasser gerollt ist, Schiff und Landung zu riskieren.

die Frachter um uns zeigen, wie man am besten Fährt!
Da schleicht sich doch fast die Überlegung ein, ob die deutschen Umweltschützer die Problematik nicht doch ein wenig tollpatschig gelöst haben. Immerhin wird die Schifffahrt und das Transportwesen in absehbarer Zeit kaum weniger, mit dem Tourismus am Wasser nimmt die Schifffahrt eher zu. Was nicht heißen soll, dass die Nist- und Brutplätze entlang der Donauufern weichen sollten. Nein, auf keinen Fall. Doch würde man die Fahrrinne ausbaggern, könnten nicht nur die Fische mehr Ruhe in der Tiefe finden, die Schifffahrt könnte sich Tonnen an Diesel sparen und bei Niedrigwasser müsste die beförderte Fracht nicht auf LKWs umgeladen werden, Lkws, die die Straßen verstopfen und ungleich mehr Energie pro Tonne Transportgut benötigen. Und mal ehrlich: für mich ist es eigentlich nur schwer vorstellbar, dass sich Fische dort wohlfühlen können, wo 30cm über Grund Frachtschiffe darüber dampfen und ihre Schrauben den Grund aufwühlen…Dennoch finden wir es gut, dass den Vögel und Fischen Platz gemacht wird und so motoren wir mit viel Kraftaufwand der Nordsee entgegen.

vor Anker
Wir finden einen schönen Ankerplatz in Irlach hinter einer kleinen Insel, wo obendrein der Anker hervorragen im Schlamm hält. Hier werden wir eine ruhige Nacht haben, doch zuerst gibts nach leckere Krautrouladen mit Speck und dazu ein gutes Fläschchen Weißwein, natürlich aus dem Burgenland. Der Laptop wird im Cockpit aufgebaut und wir genießen beim Fotoschauen noch einmal die Eindrücke der letzten Tage. Die Sterne funkeln über uns und einige Fledermäuse jagen Insekten rund ums Schifferl.
Zeitig in der Früh geht´s weiter und nach der Schleuse Straubing zeigt sich auch die Donau wieder von ihrer besten Seite: breit, schön und mit moderater Strömung. Wir braten in der Sonne und viel zu schnell liegt auch schon die nächste Schleuse vor uns: Greisling. Überrumpelt entern wir die Schleusenkammer und…alles geht schief! Unser Anlegemanöver ist zum Davonlaufen, das Heck macht was es will. Doch bald ist La Belle Epoque wieder eingefangen und während es nach oben geht, geht der Puls wieder nach unten! Danke, heute keine Schleusen mehr!

Erholungsgebiete säumen beide Ufer entlang der wunderschönen Donau
Unser Ziel für den Tag: Walhalla. Wir ankern am Fuß des großen Bauwerkes und nach dem wohlverdienten Essen gehen wir erst einmal baden: ungewohnte Geräusche von der Schraube haben uns den Nachmittag begleitet und Jürgen befreit sie von meterweise Angelschnur. Whow, der Stahlrumpf überträgt aber auch alle Geräusche!

Walhalla - ein doch eigenartiges Bauwerk
Noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang erklimmen wir Walhalla und stehen etwas verdutzt vor dem für diese Gegen doch sehr eigenartig anmutendem Bauwerk. Irgendwie passt hier nichts so reicht zusammen, denkt man, das Bauwerk steht mitten in einer Baustelle und an seinem Fuß weiden die Schafe. Keine Blumen zieren den Weg, kein Schild hilft uns weiter, ein bisschen Information über das Gebäude zu erfahren. Wir laufen eine Runde umher und lassen uns schließlich auf der Marmortreppe nieder, wo wir bei einer Dose Bier die Aussicht auf uns wirken lassen. Schön ist es hier und stolz blicken wir auf das kleine grüne Boot in der Donau, dass unser zuhause ist!

unser kleines Segelbooterl...

die wunderschöne Donau
Dichte Regenwolken und böiger Wind empfangen uns am nächsten Morgen und schon tuckern wir Regensburg entgegen. Nein, bei diesem Sauwetter wollen wir die Stadt nicht besichtigen, drum geht´s weiter, auch wenn uns die vielen Segelboote entlang der Ufer neugirig auf die Regensburger gemacht
haben. Problemlos werden wir geschleust und schon geht es weiter Richtung Main-Donau-Kanal. In der Marina Saal tanken wir La Belle noch mal voll. Toll: 150l Diesel auf 37 Motorstunden! La Belle überrascht uns immer wieder mit ihrem Können!
Wieder unterwegs geht’s vorbei am Flusskilometer 2411: und hier endet für uns die Donau. Wir haben den Kanal zum Main erreicht! Tschüss Donau, schön war’s auf dir, du bleibst uns in sehr guter Erinnerung!


in der Schleuse

schön, sich für diesen Weg entschieden zu haben...
2010 15 Mrz
Die harten Jahre sind vorbei…
Von: fortgeblasen um 11:50 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | Trackback | Keine Kommentare
Ja, nach vielen arbeitswütigen Jahren, welche wir mit den vielen Vorbereitungen zum neuen Aufbruch gefüllt haben, ist es nun endlich soweit. Das Zuhause ist versorgt, das Schifferl schwimmt. Wir haben uns schon längst an Bord eingenistet und die Schapps sind mit all jenen wichtigen und unwichtigen Sachen gefüllt, die man halt für eine Weltbesegelung braucht, oder besser gesagt, von denen man meint, dass man sie für so ein Leben braucht!
Und an Vorbereitungen hat es nun einiges gebraucht! Zuerst einmal war da das Thema Geld, denn klar, ganz ohne Geld kann man auch am Segelboot nicht leben. Also hieß es für uns erst einmal, zurück nach Österreich, Geld verdienen und eine Grundlage aufbauen. Denn einfach nur in die Arbeit zu gehen und sich über den monatlichen Lohn zu freuen, hilft zwar, irgendwann einmal eine Pension zu bekommen, doch wer nicht so lange warten will, der braucht eine andere Lösung. Oder zumindest eine Idee, mit der man versuchen kann, das Problem „Einkommen“ zu lösen. Klar, dass soll nicht heißen, dass man nicht auch von Ersparten einige Seemeilen weit kommt, aber das ständige „Bei Null anfangen“ hatten wir schon. Also, dann noch lieber, eine kleine Einkommensquelle aufbauen.
Die Zeit der Vorbereitung
Gleich das zweite Vorbereitungsthema war, wie soll´s auch anders sein, das Schifferl. Na, und nach über drei Jahren Langfahrt, nimmt natürlich das Bild für die eigene „Traumyacht“ ziemlich deutliche Konturen an. Die Suche nach unserem schwimmenden Zuhause war dann auch gar nicht lange schwer, sollte es doch eine solide Stahllady mit der Fähigkeit, in kalte oder sturmgebeutelte Gebiete genauso dampfen zu können wie in tropische oder windarme Zonen. Im Norden Europas finden sich ja zum Glück noch viele Yachten mit diesen Grundattributen. Und um noch eines drauf zu geben, wollten wir nicht gleich ein fertiges Hochseebötchen, nein, in Frage kam nur ein Projekt, in welches wir auch unsere eigenen Vorstellungen packen konnten. Weshalb es auch über vier Jahre harte Arbeit brauchte, aus der alten, in Mitleidenschaft gezogenen Stahllady unsere La Belle Epoque zu schaffen.
Sschifferlrestauration

Transport zur Donau
Der Plan, der in den kommenden Jahren mehr oder weniger verwirklicht werden wird, gehört sicher zu dem lustigsten Teil unserer Vorbereitung. Mit dem Finger am Globus und den Träumen in der Tasche kristallisierte sich immer deutlicher der zukünftige Weg heraus. Klar war von Anfang an: die Reise sollte von zuhause aus beginnen. La Belle Epoque wurde also zuerst einmal in die Donau gehoben, den genau von hier werden wir starten. Und schon mussten wir uns entscheiden, haben wir hier in der Donau noch zwei Richtungen, die wir einschlagen könnten, werden die Möglichkeiten immer mehr! Schnell wird klar, es zieht uns immer wieder Richtung Norden. Und so schmeissen wir die ursprünglichen Pläne, übers Schwarze Meer ins Mittelmeer zu reisen hin und beschließen, die Flüsse und Wasserstraßen Europas in die Nord- und Ostsee zu folgen, um das erste Jahr die Ostsee kennen zu lernen. Dann wird der Nordatlantik folgen, durch die Nordsee geht’s schließlich runter in südlichere Gefilde um dann den Sprung in die Neue Welt zu wagen. Brasilien, Argentinien und Chile stehen am Plan, später den Pazifik mit seiner wunderbaren Südsee, Australien und Neuseeland sind ein Muss, der asiatischen Ostküste entlang werden wir wieder Richtung Norden aufbrechen.

Der Weg vor uns
Aber bis dahin ist es noch weit. Und, genau wie wir es so gerne haben, sind wir ja mit dem Segelboot einigermaßen langsam unterwegs! Langsam genug, um auch alle Eindrücke aufnehmen zu können und die Schönheit der Natur und der Kulturen um uns erleben zu können.
Die restlichen Vorbereitungen sind schnell gemeistert: die angesammelten persönlichen Dinge auseinander sortiert, alles Hab und Gut aufs Schifferl gepackt und umgesiedelt. Den Schritt haben wir bereits letzen Frühling gewagt und seit dem sind auch wieder viele Dinge von Bord zurück auf Land gewandert. Die Jobs haben wir gekündigt, den Stress der letzen Jahre hinter uns gelassen. Die nötigen Vorbereitungen an Land sind geregelt und mein Amateurfunkkurs ist fast geschafft. Das Eis im Hafen ist endlich getaut und hat La Belle Epoque aus ihrer Starre entlassen. Der Termin für die Abschiedsparty unter Freunden steht und schon werden wir die Leinen lösen.
Juhu – das Abenteuer hat begonnen!

die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Wasser

Überwinterung auf der Donau

gefangen im Eis
erste "Gehversuche"


Leben auf der Donau



















